Internationalisierung des Studiums
Hochschul-Informations-System
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Internationale Fähigkeiten und Orientierungen können nicht nur in einem Auslandsstudium oder in einer anderen Form studienbezogener Auslandsaufenthalte erworben werden: Seit etwa zwei Jahren sind in der internationalen und europäischen Bildungspolitik Maßnahmen in der Diskussion, die auch denjenigen Studierenden internationale Erfahrungen näher bringen sollen, denen subjektiv oder objektiv ein studienbezogener Auslandsaufenthalt nicht möglich ist. In deutschen Hochschulen sind solche Maßnahmen noch relativ wenig verbreitet. Fallbeispiele für die Internationalisierung des Curriculums finden sich in den "Fallstudien zur Internationalisierung des Curriculums an deutschen Hochschulen" (Schnitzer, K.; Korte, E., 1996). Bei einer ersten Ausschreibung von EU-Fördermitteln für solche Maßnahmen war die Reaktion noch sehr sporadisch. Allerdings deutet die sprunghafte Zunahme von Anträgen für die zweite Runde 1996/97 darauf hin, daß diese Form der Internationalisierung zumindestens bei Hochschullehrern auf großes Interesse stößt. Es stellt sich die Frage, ob auch Studierende auf diese Möglichkeiten eingehen, speziell die Mehrheit (90%), die aus unterschiedlichsten Erwägungen ein Auslandsstudium nicht aufnehmen wird. Weiter stellt sich die Frage, welche Formen für welche studentischen Gruppen attraktiv sind. Zu diesem Zweck wurden Modelle entwickelt, die im Fragebogen vorgestellt werden: Die Befragten sollten jeweils angeben, ob sie an einer solchen Maßnahme teilnehmen würden oder teilgenommen hätten, wäre sie zu einem früheren Zeitpunkt angeboten worden. Die Zustimmung oder Ablehnung eines Modells konnte auf einer fünfstufigen Skala von 1 = "ganz sicher" bis 5 = "keinesfalls" ausgedrückt werden.
Das Centre for Educational Research and Innovation (CERI) der OECD definiert den Begriff "Internationalisierte Curricula" wie folgt:
"Curricula with an international orientation in content, aimed at preparing students for performing (professionaly, socially) in an international and multicultural context, and designed for domestic students and/or foreign students" (in: Guidelines for Country Case Study, OECD/CERI/IEA, 1994, 2, S. 7).
Ein Teil der von uns vorgestellten Modelle entspricht dieser Definition.
Für die Zwecke dieser Untersuchung ist allerdings auch von Bedeutung,
inwieweit zum Beispiel Sprachkurse oder Maßnahmen ohne Beteiligung
ausländischer Studierender Akzeptanz finden. Das CERI unterscheidet
neun Typen internationalisierter
Curricula
(
vgl. Abb. 8.1).
Den Typen 1 bis 3 und 6 bis 9 können jeweils mindestens
eines der für diese Untersuchung entwickelten Modelle zugeordnet werden.
Typ 4 (fremdsprachliche/sprachwissenschaftliche Curricula) richtet sich
vorzugsweise an die Studierenden in den Sprachwissenschaften, die in dieser
Untersuchung nicht befragt werden. Typ 5 (Regional-/Gebietsstudien) ist
ebenfalls im wesentlichen in Sprach- und Kulturwissenschaften von Bedeutung;
entsprechende Modelle finden sich in dieser Untersuchung daher nicht. Im
Bildungsprogramm der Europäischen Union SOKRATES haben die Mitgliedstaaten
die Förderung der Internationalisierung des Curriculums festgeschrieben.
Dort heißt es:
"Eine größere Vertrautheit mit anderen Ländern, Sprachen und Lebensstilen ist in der Bildung ein zunehmend wichtiger Pluspunkt. Einen Schwerpunkt im Rahmen des SOKRATES-Programms bildet daher die Förderung der Mobilität und des Austauschs ... ... Gleichzeitig stellt sich das Programm aber auch der Herausforderung, der Bildung derjenigen eine Ôeuropäische DimensionÕ zu verleihen, die nicht in der Lage sind, die Möglichkeiten eines Auslandsstudiums zu nutzen. Daher bemüht man sich insbesondere darum, die Zusammenarbeit bei der Entwicklung von Lehrplänen in einem europäischen Zusammenhang zu fördern, und das Potential neuer Informations- und Kommunikationstechnologien für die Internationalisierung der Lernerfahrungen zu nutzen". (Europäische Kommission, 1995b, S. 12)
Bei Entscheidung über Projektaktivitäten, die im Rahmen von
SOKRATES unterstützt werden sollen, wird Vorschlägen besondere
Beachtung geschenkt, die geeignet sind, einen Beitrag zur Erreichung der
im Beschluß über das Programm niedergelegten spezifischen Ziele
zu leisten (
vgl. Abb. 8.2). Mit Ausnahme der Sprachkurse erfüllen alle im
Fragebogen vorgestellten Modelle diese Anforderungen und würden bei
der Entscheidung über finanzielle Zuwendungen besondere Beachtung
finden.
Einen Überblick über die systematische Einordnung der Modelle
gibt
Abb. 8.3). Die einzelnen Modelle werden hier der CERI-Typologie und
den spezifischen Zielen des Bildungsprogramms SOKRATES zugeordnet; darüber
hinaus wird eine Systematisierung nach Anforderungsmerkmalen (Sprachkenntnisse,
Mobilität, soziale Kompetenz, zeitliche Anforderung) vorgenommen und
die Modelle werden bestimmten Motivkomplexen zugeordnet (Sprachkenntnisse
verbessern, mit Studierenden anderer Länder zusammenarbeiten, internationale
Aspekte des Themas kennenlernen, Kenntnisse über das Land erwerben),
die bei Studierenden für die Wahl eines Modells ausschlaggebend sein
könnten. Insbesondere die Anforderungsmerkmale eines Modells dürften
bei ihrer Akzeptanz durch Studierende eine wichtige Rolle spielen. Die
Modelle verstehen sich als Prototypen und beschreiben - ohne Anspruch auf
Vollständigkeit - ein Spektrum von Möglichkeiten, sollen aber
keine endgültigen Ausprägungen festschreiben. Für die Entwicklung
eigener Modelle sollen Sie Anregung sein, nicht Korsett.
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Modelle internationalisierten Studierens Wortlaut der Fragen 28 - 40 des FragebogensStellen Sie sich vor, an Ihrer Hochschule würden die folgenden Studienmöglichkeiten angeboten: Würden Sie ein solches Angebot wahrnehmen? Oder: Hätten Sie es wahrgenommen, wäre es zu einem früheren Zeitpunkt angeboten worden? (1 = ganz sicher; ...; 5 = keinesfalls)
GastdozentIn: Eine renommierte Kapazität aus dem europäischen Ausland bietet an Ihrer Hochschule eine einsemestrige Vorlesung zu einem sehr interessanten Thema an, das in dieser Qualität bei Ihnen sonst nicht angeboten wird. Unterrichtssprache ist Englisch. Sprachkurs "Exot": Zu einer weniger verbreiteten europäischen Sprache (z.B. dänisch oder griechisch) wird ein viersemestriger Sprachkurs angeboten. Sie erwerben ausreichende Sprechfähigkeiten für den Alltagsgebrauch und die Fähigkeit, sich Fachtexte selbständig zu erarbeiten. Die erworbene Qualifikation wird Ihnen zertifiziert. Sprachkurs Fachenglisch: Aufbauend auf Ihren mittleren bis guten Englischkenntnissen sollen Sie in einem zweisemestrigen Kurs befähigt werden, sich englischsprachige Fachtexte selbständig zu erarbeiten. Die erworbene Qualifikation wird Ihnen zertifiziert. Englisch für Anfänger: Englisch war noch nie Ihre starke Seite. In einem zweisemestrigen Grundkurs können Sie sich elementare Englischkenntnisse aneignen und sich so auch auf den Sprachkurs Fachenglisch vorbereiten. Internationales "Klassenzimmer": In einem einsemestrigen Intensiv-Seminar haben Sie die Möglichkeit, gemeinsam mit Studierenden Ihres Studienfachs aus anderen europäischen Ländern (z.B. aus Finnland, Spanien und Frankreich) zu lernen und zu forschen. Dem Projekt steht ein "Klassenzimmer" zur Verfügung, das mit einer Handbibliothek, Computern und sonstigen erforderlichen Arbeitsmaterialien ausgestattet ist. Es wird an 5 Tagen in der Woche täglich 8 Stunden gearbeitet. Jeder Tag beginnt mit 1 1/2- stündigen Einführungen durch Hochschullehrer(innen) der beteiligten Länder; im Anschluß wird in kleinen gemischtnationalen Gruppen selbständig gearbeitet. Die Projektsprache ist Englisch. Die Teilnahme an vorbereitenden Sprachkursen ist möglich. ... und wenn nur an 3 Tagen gearbeitet wird? Internationales "Klassenzimmer" im Ausland: Es besteht die Möglichkeit, an einem ähnlichen Projekt im Ausland teilzunehmen (vergl. vorhergehende Frage). Sie werden Deutschland für ein halbes Jahr verlassen; eine Unterkunft (bei Studierenden des Gastlandes) wird Ihnen gestellt, Ihre Fahrtkosten werden bezahlt. Für Ihren Lebensunterhalt müssen Sie selbst aufkommen. Auf den Auslandsaufenthalt werden Sie vorbereitet. Er wird Ihnen als Studienleistung anerkannt. Sofern Sie BaföG erhalten, wird dies weitergezahlt. Gruppenprogramm: Es besteht die Möglichkeit, mit Kommiliton(inn)en Ihres Studienfachs (Ihrer Hochschule) einen Studienabschnitt an einer Partneruniversität im Ausland zu absolvieren. Sie nehmen am "normalen" Studienangebot der Gasthochschule teil. Außerdem werden Sie in speziellen Seminaren betreut. Bestandteil ist auch eine achtwöchige Praxisphase (z. B. ein Betriebspraktikum). Für die Unterbringung sorgt die Gasthochschule. Ein Seminar bereitet Sie auf den Auslandsaufenthalt vor. Es wird ein Sprachtraining vor und während des Aufenthaltes angeboten und ein Stipendium von monatlich 300,-DM gewährt (ggf. zusätzlich zum BaföG). Doppelabschluß: Der Auslandsaufenthalt des eben beschriebenen Gruppenprogramms macht etwa die Hälfte Ihres Hauptstudiums aus. Sie erhalten daher neben dem deutschen zugleich den entsprechenden ausländischen Studienabschluß (z.B. Bachelor, Master) Ihres Studienfachs. Entwicklungshilfeprojekt: Ihr im Verlaufe Ihres bisherigen Studium erworbenes fachliches Know-how soll im Rahmen eines 8 - 12 wöchigen Praktikums in einem Entwicklungshilfeprojekt zur Anwendung kommen. Sie leisten unterstützende Arbeit, z.B. beim Bau einer Berieselungsanlage, beim Aufbau von Gesundheits- und Sozialberatungen, beim Einsatz von EDV in einem landwirtschaftlichen Projekt oder ähnliches. Die beschränkten ökonomischen und technischen Ressourcen des Ziellands erfordern eine entsprechend angepaßte Vorgehensweise. Hierauf werden Sie vorbereitet. Modul europäische Integration: Für Studierende aller Fachbereiche wird eine aus Seminar und Vorlesung bestehende Lehrveranstaltung angeboten, in der in die Aufgaben europäischer Institutionen und in Gemeinschaftsrecht eingeführt wird. Wirtschafts-, Sozial- und Rechtswissenschaftler aus verschiedenen Ländern stellen exemplarisch die Veränderungen durch Europa dar (und die damit verbundenen Probleme), die für ihre Heimatländer besonders bedeutsam sind. Die Lehrveranstaltung richtet sich insbesondere auch an ausländische Studierende. Unterrichtssprache ist Englisch. Würden Sie teilnehmen? ... und wenn in deutsch unterrichtet würde? Parallelseminar: An Ihrer Hochschule wird zu einer Sie interessierenden Fragestellung ein einsemestriges "Forschungs"-Seminar angeboten. Das Forschungsergebnis und insbesondere die methodische Herangehensweise werden in englischer Sprache dokumentiert. Parallel dazu findet in verschiedenen europäischen Hochschulen das gleiche Seminar statt. Nach Abschluß der Berichte diskutieren jeweils fünf bis sechs hieran interessierte Studierende der beteiligten Länder auf einer "Konferenz" in Brüssel die Forschungsergebnisse. Zu Semesterende werden auf der Grundlage des erstellten Konferenzberichts im Seminar die Forschungsergebnisse und die unterschiedlichen Forschungswege der europäischen Kommilitonen erörtert. ... an der Konferenz auch? Virtuelles Seminar: Zu einem Sie interessierenden Thema wird ein "virtuelles Seminar" mit Studierenden und Lehrenden aus aller Welt angeboten: Die Kommunikation zwischen Studierenden und Lehrenden findet in Englisch und über die "Datenautobahn" (Internet, Mailing-Listen) statt: Referate, Diskussionsbeiträge, Ideen, Fragen etc. werden als Computerdateien allen Seminarteilnehmern zugänglich gemacht. Sie sind aufgefordert, die Beiträge anderer zu kommentieren oder zu beantworten. Der Umgang mit dem Internet wird im Seminar erlernt. Das Seminar wird als reguläre Studienleistung anerkannt.. . . . oder hätten Sie gerne von Anfang an ein ganz anderes "internationales" Studienfach gewählt? Z.B. Europakunde: Sie qualifizieren sich zum Europa - Spezialisten (mit entsprechendem Abschluß) durch breite, interdisziplinäre Kenntnisse (Recht, Wirtschaft, Geographie, Kultur etc. Europas). |
In den folgenden Abschnitten werden die im Fragebogen verwendeten Modelle vorgestellt und gezeigt, in welchem Maß sie von den Studierenden verschiedener Fächergruppen akzeptiert werden. Ausgewiesen wird jeweils, wieviele Studierende ganz sicher an einem Studienangebot teilgenommen hätten oder teilnehmen würden (Wert 1 der 5-stufigen Skala) und wieviele Studierende "ziemlich wahrscheinlich" (Wert 2 der Skala) an einem Studienangebot teilgenommen hätten/teilnehmen würden. Wir sprechen von der Akzeptanz eines Modells oder der Zustimmung zu einem Modell, wenn sich Studierende ganz sicher sind oder es für ziemlich wahrscheinlich halten, daß sie an ihm teilgenommen hätten. Die Akzeptanz von Modellen internationalisierter Curricula kann unter verschiedenen Fragestellungen von Interesse sein: Angenommen, es sei geplant, einen Sprachkurs Fachenglisch in einem ingenieurwissenschaftlichen Studiengang als Pflichtveranstaltung einzuführen. Die Frage, ob ein solches Vorhaben auf Widerstand seitens der Studierenden stoßen würde, beantwortet am besten die Akzeptanz- oder Zustimmungsquote (der Prozentsatz an Studierenden, die ganz sicher oder ziemlich wahrscheinlich an einem Modell teilgenommen hätten). Für das Beispiel liegt die Zustimmungsquote bei 80%; mit einem nennenswerten Widerstand gegen ein solches Vorhaben seitens der Studierenden ist also nicht zu rechnen. Die Frage lautet anders, wenn die Teilnahme am anzubietenden Sprachkurs Fachenglisch den Studierenden freigestellt wird: wieviele Studierende werden ein solches Angebot wahrnehmen? In einem solchen Fall sollten wesentlich strengere Maßstäbe angelegt werden. Am geeignetsten erscheint hier die Quote derjenigen, die sich ganz sicher sind, daß sie an einem solchen Angebot teilnehmen würden: das behaupten von sich nur noch 40% der ingenieurwissenschaftlichen Studierenden. Auch dieser Wert kann natürlich nur einen groben Anhalt geben. Berücksichtigt werden muß insbesondere, daß von der vorliegenden Untersuchung nur Studierende in höheren Semestern erfaßt wurden. Die Bereitschaft, an einem Sprachkurs Fachenglisch teilzunehmen, könnte sich durch Einsichten erhöhen, die erst im Verlaufe des Studiums gemacht werden. Auch rücken mit zunehmender Semesterzahl die eigenen Arbeitsmarktchancen mehr ins Blickfeld. Man tut daher gut daran, auch von dieser Quote noch einige Abstriche zu machen, will man sie als Prognoseinstrument verwenden.
Die Modelle "Englisch für Anfänger", "Sprachkurs
Fachenglisch" und "Sprachkurs Exot"(
Abb. 8.4 ,
Abb. 8.5
sowie
Abb. 8.6) sind keine internationalen Lehrveranstaltungen im eigentlichen
Sinne: sie dienen eher der Vorbereitung auf internationalisierte Curricula.
Die beiden Englischkurse wurden mit aufgenommen, weil ein entsprechender
Bedarf vermutet wurde; der Sprachkurs Exot, weil er eine Möglichkeit
darstellt, einem wichtigen Ziel der Europapolitik näherzukommen: der
Schaffung polyglotter Europabürger.
Das Interesse an den Englischkursen ist sehr groß: etwa die Hälfte
aller Studierenden hätten ganz sicher oder ziemlich wahrscheinlich
an einem Englischkurs für Anfänger teilgenommen, in dem elementare
Grundkenntnisse in Englisch vermittelt werden (
vgl. Abb. 8.4). Etwa ein Drittel der Befragten ist sich ganz sicher,
daß es am Englisch-Anfängerkurs teilgenommen hätte oder
teilnehmen würde. "Die Aufgabenvermittlung von Fremdsprachenkompetenz
liegt bei den weiterführenden Schulen", schreibt der Wissenschaftsrat
(1992, 75 f.); wenn ein Drittel der befragten Studierenden sich dringend
elementare Englischkenntnisse aneignen will, dann scheinen die weiterführenden
Schulen dieser Aufgabe nur unzureichend nachzukommen. Andererseits scheint
die Notwendigkeit fremdsprachlicher Kenntnisse erst im Studium deutlich
zu werden. Diese Motivationsumkehr ist zu nutzen. Insofern ist ein nachbessernder
Sprachkurs durch die Hochschule durchaus angebracht. Das Interesse an Englisch-Anfängerkursen
ist selbst in den Fächern mit 30% noch relativ hoch, in dem die Befragten
über vergleichsweise gute Englischkenntnisse verfügen (Informatik,
Naturwissenschaften,
vgl.
Kapitel 5). Die größte Nachfrage nach Englisch-Grundkursen
findet sich bei den Studierenden der Ingenieurwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre.
In diesen Fächern ist einerseits die Nachfrage nach Fremdsprachenkenntnissen
auf dem Arbeitsmarkt besonders hoch, andererseits sind die Englischkenntnisse
der Studierenden eher gering. Die Akzeptanzunterschiede von Englisch-Anfängerkursen
nach Fächergruppen sind insgesamt allerdings nicht sehr hoch: Einen
erstaunlich hohen Bedarf an Englischkursen für Anfänger gibt
es in allen von uns untersuchten Studienfächern.
Im Modell "Sprachkurs Fachenglisch" werden mittlere bis gute
Englischkenntnisse vorausgesetzt. In zwei Semestern sollen Studierende
in die Lage versetzt werden, sich englischsprachige Fachtexte selbständig
zu erarbeiten. Die Akzeptanz eines solchen Angebotes ist ebenfalls sehr
hoch: ein gutes Drittel der Befragten hätte ganz sicher an einem solchen
Kurs teilgenommen; rechnet man diejenigen hinzu, die ziemlich wahrscheinlich
teilgenommen hätten, erhöht sich die Akzeptanzquote auf etwa
75%. Auch für den Sprachkurs Fachenglisch findet sich die geringste
Akzeptanz bei den Studierenden der Informatik und der Naturwissenschaften
und die höchste in den Ingenieurwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre
(
vgl. Abb. 8.5). Im Modell wird die erworbene Qualifikation den Teilnehmern
zertifiziert: Ob sich die Akzeptanz des Modells erhöht hat, weil dieser
formale Qualifikationsnachweis in Aussicht gestellt wurde, kann nicht sicher
entschieden werden. Wahrscheinlich wird ein solches Zusatzzertifikat insbesondere
von den Studierenden für nützlich gehalten, die Englischkenntnisse
für bewerbungsrelevant halten.
Das Modell "Sprachkurs Exot" wurde in den Fragebogen aufgenommen,
weil es der europäischen Bildungspolitik ein besonderes Anliegen ist,
Kenntnisse in den am wenigsten verbreiteten und am seltensten unterrichteten
europäischen Sprachen zu fördern (vgl. hierzu insbesondere Aktion
Lingua, Vademecum Sokrates, 1995, 27 f.). Die Akzeptanz eines solchen Angebotes
ist indes extrem niedrig: nur knapp 6% der von uns befragten Studierenden
hätten an einem solchen Sprachkurs ganz sicher, weitere 15% hätten
ziemlich wahrscheinlich teilgenommen (
Abb. 8.6). Auffällig sind die stark zugunsten "ziemlich wahrscheinlich"
verschobenen Proportionen innerhalb der Akzeptanzquote: so sind sich z.B.
nur ein Fünftel derjenigen Naturwissenschaftler, die den Sprachkurs
Exot akzeptieren, ganz sicher, daß sie teilgenommen hätten,
vier Fünftel stimmen dem Modell nur bedingt zu. Beim Englisch-Anfängerkurs
ist das Verhältnis genau umgekehrt: hier ist sich der größere
Teil der betreffenden Studierenden ihrer Zustimmung ganz sicher. Die ohnehin
sehr geringe Akzeptanzquote des Sprachkurses Exot ist so zusätzlich
mit einem hohen "ja, aber"-Anteil belastet; die Akzeptanz ist
nur bedingt und hat eher den Charakter einer prinzipiellen Einsicht, die
nicht notwendigerweise auch handlungsrelevant wird. Es liegt nahe zu vermuten,
daß dieser Bedarf eher "sekundär" entsteht (z. B.
Exkursion in ein bestimmtes, Studienarbeit über ein bestimmtes Land,
länderspezifisches Stipendium). Bei der geringen Nachfrage fragt es
sich auch, ob nicht solche Angebote überregional in "Crash"-Kursen
organisiert werden müßten.
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"(1) Und die ganze Erde hatte ein und dieselbe Sprache
und ein und dieselben Wörter. ...
(4) Und sie sprachen: Wohlan, wir wollen uns eine Stadt und
einen Turm bauen, und seine Spitze bis an den Himmel! ...
(5) Und der HERR fuhr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen,
die die Menschenkinder bauten.
(6) Und der HERR sprach: Siehe, ein Volk sind sie, und
eine Sprache haben sie alle, und dies ist [erst] der
Anfang ihres Tuns. Jetzt wird ihnen nichts unmöglich sein,
was sie zu tun ersinnen.
(7) Wohlan, laßt uns herabfahren und dort ihre Sprache verwirren,
daß sie einer des anderen Sprache nicht [mehr] verstehen!
(8) Und der HERR zerstreute sie von dort über die ganze Erde;
und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. ..." (1. Buch Mose, Genesis 11) |
Als die Menschenkinder Gott mit dem Bau eines Turmes provozierten, der bis in den Himmel reichen sollte, bestrafte er sie, indem er ihre Sprache verwirrte und sie in alle Lande verstreute. Mit den Folgen dieses göttlichen Eingriffs muß sich die Europäische Union noch heute auseinandersetzen: vieles wäre sehr viel einfacher, wären die Europäer - wie zu biblischen Zeiten - noch ein Volk und hätten sie noch eine Sprache. Die europäische Bürokratie verfügt über 11 Amtssprachen: sie alle sollen gleichberechtigte Arbeitssprachen sein. Jeder Mitgliedsstaat verkehrt mit der EU in seiner Sprache, jeder Bürger Europas soll sich in ihr an sie wenden können. Sämtliche Vorlagen an Organe der EU müssen in alle ihre 11 Amtssprachen übersetzt werden. Diese Aufgabe bewältigen in den Organen der Europäischen Union derzeit etwa 3.000 beamtete Übersetzer und Dolmetscher; mehrere 1.000 Freiberufler kommen hinzu. Schon jetzt verschlingt der Übersetzungs- und Dolmetscherdienst der Europäischen Union etwa ein Drittel ihres gesamten Verwaltungshaushalts. Mit jeder weiteren Sprache, die hinzu kommt, potenziert sich der Aufwand.
Die europäische Bildungspolitik wünscht sich den polyglotten Europabürger: "Eine bessere Kenntnis von immer mehr Gemeinschaftssprachen ist von grundlegender Bedeutung", heißt es im Vademecum Sokrates (1995, S. 27): jeder Europäer soll möglichst viele, am besten aber alle Sprachen der Europäischen Gemeinschaft sprechen und verstehen können. Den Versuch, dieses Ziel zu erreichen, läßt sich die EU etwas kosten: mit Mitteln des Bildungsprogramms SOKRATES werden mit besonderer Priorität solche Sprachkurse gefördert, die in den am wenigsten verbreiteten und am seltensten unterrichteten Sprachen stattfinden.
Entsprechend verabschiedete die europäische Rektorenkonferenz Empfehlungen zur Sprachdiversifizierung in Europa (im März 1996). In dieser - nur in englisch (!) - vorliegenden Erklärung bekunden die europäischen Hochschulrektoren ihre völlige Übereinstimmung "that multilinguism and the general enhancement of foreign language and intercultural competence of the citizens of Europe should receive high priority" (Europäische Rektorenkonferenz, 1996). Die Konferenz konstatiert, daß Englischkenntnisse eine Notwendigkeit in der heutigen Welt seien, befürchtet aber gleichzeitig, daß sich einige Sprachen zu "Museumssprachen" entwickeln. Dieser Gefahr wollen die europäischen Hochschulrektoren u.a. mit einer verstärkten finanziellen Unterstützung von Austauschprogrammen für Studenten entgegentreten, die in Ländern weniger gebräuchlicher Fremdsprachen stattfinden.
Während die Europäische Union noch darüber nachsinnt, wie ein multilinguales Europa erhalten und polyglotte Europabürger geschaffen werden können, entwickelt sich, quasi unter der Hand, Englisch zur Lingua franca der Wissenschaften. Der vom Institute for Scientific Information (ISI) in Philadelphia ermittelte sogenannte impact factor mißt, wie oft wissenschaftliche Aufsätze im Durchschnitt zitiert werden - sozusagen die Resonanz, mit der ein Forschungsergebnis weltweit rechnen kann. Englischsprachige Aufsätze werden durchschnittlich 3,7 mal zitiert, russische 0,9 mal, deutsche 0,6 mal, französische und japanische 0,5 mal. Auf Englisch publizierte Studien, heißt das, finden ein sechsmal so hohes Echo wie deutsche. Der Impact ist keine esoterische, von allen weltlichen Interessen abgehobene Größe - sonst würde kaum so viel Aufwand betrieben, ihn laufend zu ermitteln. "Für das berufliche Fortkommen jedes einzelnen Wissenschaftlers überall auf der Welt ist es von entscheidender Wichtigkeit, daß er publiziert, wo er publiziert, daß er zitiert, wie oft und von wem er zitiert wird" (Zimmer, D. E., 1996).
Die stürmische Entwicklung des Internet wird diese Entwicklung weiter beschleunigen: Englisch ist die unangefochtene Lingua franca des World-Wide-Web und nichts spricht dafür, daß sich dies in Zukunft ändern wird. Wer sich mit einer der großen Suchmaschinen des Internet einmal für einen deutschen Begriff (und den entsprechenden englischen) die Zahl der Verweise ausgeben läßt, bekommt eine Vorstellung von der Dominanz des Englischen im Internet: Die Suchmaschine www.hotbot.com findet (im November 1996) den Begriff "higher education" in 217.227 weltweit erreichbaren WWW-Seiten. Das Wort "Hochschulausbildung" findet sich in nur 735 Dokumenten. Selbst wenn nur in WWW-Seiten auf deutschen Servern gesucht wird (.de-Domaine) überwiegt das Englische um ein Vielfaches: Das Wort Hochschulausbildung wird in 626 Dokumenten verwendet, der Begriff "higher education" in 2555 Dokumenten.
Im Kapitel
5 wurde gezeigt, daß es schon um die Englischkenntnisse deutscher
Studierender nicht zum besten steht. Über gute Kenntnisse in mehr
als einer Fremdsprache verfügen nur etwa 10% der Studierenden und
sie zeigen wenig Neigung, hieran etwas zu ändern: nur etwa 5% der
Befragten haben großes Interesse an einem Sprachkurs in einer weniger
verbreiteten europäischen Sprache (
vgl. Abb. 8.6). Es ist daher möglich, daß die Bemühungen
der europäischen Bildungspolitik bei den deutschen Studierenden (und
den Deutschen insgesamt) vergeblich bleiben. Die Vision vom polyglotten
Europabürger könnte sich als ein schöner aber nur sehr schwer
erreichbarer Traum der Europäischen Union erweisen.
Auch durch die Förderung der Mobilität von Lehrkräften
will das europäische Bildungsprogramm SOKRATES eine stärkere
Internationalisierung der europäsichen Hochschulausbildung erreichen.
Der Gedanke ist nicht ganz neu: schon seit vielen Jahren werden Gastprofessuren
u.a. im Rahmen des Jean Monnet-Projekts gefördert. Indes sind deutsche
Hochschulen in ihrer Gesamtheit noch weit davon entfernt, Vorlesungen ausländischer
Hochschullehrer zum Regelbestandteil aller Studiengänge zu machen.
Die Akzeptanz solcher Veranstaltungen bei den Studierenden ist sehr hoch
(
vgl. Abb. 8.8): bei mehr als drei Viertel der Befragten stößt
das Modell GastdozentIn auf positive Resonanz. Etwa 40% sind sich ganz
sicher, daß sie an einer solchen Lehrveranstaltung teilgenommen hätten
oder teilnehmen würden. Die größte Zustimmung findet das
Modell bei den Studierenden der Informatik (50% hätten ganz sicher
teilgenommen); die geringste bei den Studierenden der Pädagogik, der
Psychologie und der Sozialpädagogik (gut 30% hätten ganz sicher
teilgenommen). Daß die Zustimmungsquoten für dieses Modell derart
hoch sind, obwohl in Englisch unterrichtet wird, verdient besondere Beachtung:
offenkundig läßt sich die Furcht vor Sprachschwierigkeiten mit
geeigneten Anreizen überwinden. Die Anreize dürften in diesem
Modell gewesen sein: 1. ein sehr interessantes Thema, das 2. in dieser
Qualität sonst nicht angeboten wird und 3., daß die Veranstaltung
von einer renommierten Kapazität durchgeführt wird.
SOKRATES möchte die Studierenden auch über die Strukturen
und Funktionsweisen der Organe der Europäischen Union informiert wissen
und erwägt daher eine Art europäischen Staatsbürgerkundeunterricht.
Bei den Studierenden allerdings ist eine derartige Idee unbeliebt: nur
etwa 5% akzeptieren es bedingungslos, nur etwa 20% stehen ihr allgemein
wohlwollend gegenüber (
vgl. Abb. 8.9). Eine Ausnahme hiervon bilden die Studierenden der Sozialwissenschaften.
Gut 20% von ihnen hätten ganz sicher, fast die Hälfte mindestens
ziemlich wahrscheinlich an einer solchen Veranstaltung teilgenommen. Je
nach persönlicher Setzung des Studienschwerpunkts stellt der Inhalt
dieses Modells gleichzeitig ein Stück Studieninhalt für Sozialwissenschaftlerinnen
und Sozialwissenschaftler dar. Für Studierende aller anderern für
diese Untersuchung befragten Fachrichtungen liegen die Inhalte dieses Modells
weit abseits ihrer Studienthemen, für das sich aus ihrer Sicht kein
zeitliches Engagement zu lohnen scheint.
Das Modell wurde in zwei Variationen angeboten: in englischer und in
deutscher Sprache. Aus
Abbildung 8.10 läßt sich entnehmen, daß sich die Akzeptanzquoten
in einigen Studienfächern etwa verdoppeln, wenn in Deutsch unterrichtet
wird. Dies betrifft die Fächergruppen Ingenieurwissenschaften, Betriebswirtschaftslehre,
Architektur sowie Pädagogik, Psychologie, Sozialpädagogik. In
den Fächern Informatik und Naturwissenschaften sowie in den Sozialwissenschaften
verbessert hingegen auch der Unterricht in deutscher Sprache die Akzeptanz
nur geringfügig.
Die Ergebnisse zum Modell "Parallelseminar" sind nicht sehr
ermutigend: nur knapp 10% der Studierenden der meisten hier einbezogenen
Studienfächer stimmen diesem Modell hochgradig zu, gut ein Drittel
stehen ihm wohlwollend gegenüber. Eine Ausnahme machen hier wieder
die Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler: der Anteil der
Studierenden, die ganz sicher oder ziemlich sicher an einem Parallelseminar
teilgenommen hätten oder teilnehmen würden, liegt bei ihnen etwa
doppelt so hoch (
vgl. Abb. 8.11). Möglicherweise ist das Modell nicht konkret genug
beschrieben worden und würde bei thematischer Zuspitzung größere
Akzeptanz erfahren. Es ist das Anliegen des Modells, nationale und kulturelle
Unterschiede in Forschungstraditionen und methodischen Herangehensweisen
transparent zu machen. Die gleiche Forschungsfrage soll in verschiedenen
europäischen Hochschulen parallel bearbeitet werden: im Idealfall
würden sich Unterschiede in den Forschungswegen und den Forschungsergebnissen
auf nationale und kulturelle Besonderheiten und Traditionen zurückführen
lassen. Die relativ geringe Akzeptanz des Modells könnte auch darin
ihren Grund haben, daß für die große Mehrheit der Befragten
solche kulturellen Unterschiede die Forschungswege und erst recht die Forschungsergebnisse
nicht beeinflussen. Dieser Gedanke könnte auch erklären, warum
die Zustimmung im Bereich Sozialwissenschaften deutlich höher ist:
Der Zusammenhang zwischen Geschichte und Kultur einer Nation und dem Forschungsgegenstand
ist in den Sozialwissenschaften vergleichsweise groß.
Im Modell war vorgesehen, daß jeweils ein Teil der Studierenden
in einer gemeinsamen Konferenz in Brüssel die Forschungsergebnisse
diskutieren. Daß dies nur für einen Teil hieran interessierter
Studierender vorgesehen war, sollte verhindern, daß sich Studierende
mit geringer Neigung zu Auslandsmobilität oder mit Befürchtungen
vor dem Kontakt mit ausländischen Kommilitonen von dem Modell abwenden.
Es zeigt sich, daß Studierende, die sich ganz sicher sind, daß
sie an einem solchen Modell teilgenommen hätten, sich auch von einer
Konferenz nicht abschrecken lassen. Diejenigen hingegen, die dem Modell
nur eine allgemeine Zustimmung entgegenbringen, also nur "ziemlich
wahrscheinlich" teilgenommen hätten, würden an der Konferenz
in nur deutlich geringerem Umfang teilnehmen (
vgl. Abb. 8.12). Geht man davon aus, daß überwiegend solche
Studierende tatsächlich ein derartiges Lehrangebot wahrnehmen, die
sich ganz sicher sind, daß sie teilnehmen würden, so muß
auch mit einem großen Interesse an der Teilnahme der Konferenz gerechnet
werden.
Auch durch die vermehrte Nutzung neuer Kommunikationstechnologien soll
zur Internationalisierung des Studiums beigetragen werden. Bei der Beantragung
von Fördermitteln im Rahmen des SOKRATES - Programms können Maßnahmen
mit besonders wohlwollender Beachtung rechnen, die eine Internationalisierung
des Studiums durch den Einsatz neuer Informations- und Kommunikationstechnologien
erreichen wollen. Diesem Gedanken ist das Modell "Virtuelles Seminar"
verpflichtet: es verlangt den Studierenden keine reale, sondern nur virtuelle
Mobilität ab und könnte insbesondere für diejenigen Studierenden,
für die der Kontakt mit Unbekanntem besorgniserregend ist, eine Möglichkeit
darstellen, mit Kommilitoninnen und Kommilitonen aus aller Welt zu kommunizieren.
Eine solche Form des schriftlichen Kontaktes über das Internet erfordert
keine spontanen Reaktionen; jede Stellungnahme und jede Antwort kann zuvor
gründlich überlegt und abgewägt werden. Das virtuelle Seminar
wird von deutlich mehr Studierenden akzeptiert als das Parallelseminar
(
vgl. Abb. 8.13): die Quote derjenigen, die ganz sicher an ihm teilnehmen
würden, liegt dennoch vergleichsweise niedrig: für die meisten
Studiengänge beträgt sie nur etwa 15%. Die höchste Quote
findet sich - erwartungsgemäß - bei Informatikern (27%) und
- völlig überraschend - bei Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftlern
(31%). Eine bedingte Zustimmung wird dem virtuellen Seminar von gut 40%
der Studierenden (bei Informatikern und Sozialwissenschaftlerinnen und
Sozialwissenschaftlern gut 50%) zuteil. Die allgemeine Akzeptanz ist also
vergleichsweise hoch: möglicherweise würde auch bei diesem Modell
eine konkretere Ausgestaltung des Programms für eine größere
Zustimmung sorgen. Eine Veranstaltung sollte so konkret wie möglich
angeboten werden, und der Einsatz neuer Kommunikationstechnologien sollte
für das Thema einen wissenschaftlichen Mehrwert versprechen. Die hohe
Aktzeptanz bei den Studierenden der Sozialwissenschaften entspricht ausdrücklich
nicht gängigen Vorurteilen. Offenkundig sind Studierende aus den Sozialwissenschaften
neugierig auf die Möglichkeiten der neuen Kommunikationstechnologien
und bereit, zur Befriedigung dieser Neugier Zeit zu investieren. Die Anerkennung
des virtuellen Seminars als reguläre Studienleistung erhöht seine
Akzeptanz: ein virtuelles Seminar mit geringerem Zeitaufwand, in dem keine
Referate geschrieben werden müssen, dafür aber auch kein Schein
zu erhalten ist, findet eine deutlich geringere Zustimmung (
vgl. Abb. 8.14). Die Möglichkeiten der neuen Informations- und
Kommunikationstechnologien werden in der Lehre an deutschen Hochschulen
noch relativ wenig genutzt. Die im Rahmen der von HIS durchgeführten
Untersuchung "Bestandsaufnahme zur Organisation medienunterstützter
Lehre an Hochschulen" zeigt, daß multimediale Projekte mit internationalen
Bezügen nur ganz vereinzelt anzutreffen sind und sich thematisch überwiegend
mit sich selbst beschäftigen (also entweder das Internet selbst diskutiert
wird oder aber die Möglichkeiten multimedialer Lehre).
Gemessen am sehr hohen Zeitaufwand, der mit ihm verbunden ist, hat das
Modell "Internationales Klassenzimmer" einen ausgesprochen großen
Zuspruch gefunden. Zwischen 14 und 27% der Studierenden sind sich ganz
sicher, daß sie an ihm teilgenommen hätten, wenn an fünf
Tagen in der Woche acht Stunden gearbeitet wird (
vgl. Abb. 8.15); reduziert sich der Arbeitsaufwand auf drei Arbeitstage
in der Woche, erhöht sich der Anteil der Studierenden, die ganz sicher
teilgenommen hätten, gar auf etwa ein Drittel (
vgl. Abb. 8.16). Das Modellkonzept "Internationales Klassenzimmer"
stammt ursprünglich aus dem angelsächsischen Raum. Es wurde im
Fragebogen dargestellt aufgrund der Beschreibung eines solchen in Holland
durchgeführten Projekts bei Marijke van der Wende (1995). Ein Semester
lang hatten Studierende verschiedener europäischer Länder gemeinsam
studiert. Es stand ihnen ein Klassenzimmer zur Verfügung, das mit
einer Handbibliothek, Computern und sonstigem erforderlichen Arbeitsmaterial
ausgestattet war. Es wurde an 5 Tagen in der Woche täglich 8 Stunden
gearbeitet. Nach täglichen kurzen Einführungen durch Hochschullehrer
der beteiligten Länder arbeiteten die beteiligten Studierenden selbständig
in gemischt-nationalen Gruppen. Die Projektsprache war Englisch. Dieses
sehr arbeits- und zeitaufwendige Modell verlangt von den beteiligten Studierenden
eine hohe soziale Kompetenz und gute Fremdsprachenkenntnisse; seine hohe
Akzeptanz überrascht daher. Die Tatsache, daß knapp 70% der
Studierenden diesem arbeitsintensiven Modell positiv gegenüberstehen
zeigt, daß niedrigere Akzeptanzquoten bei anderen Modellen nicht
etwa auf eine Auslandsdistanziertheit deutscher Studierender zurückgeführt
werden kann, sondern daß die Ursache für geringe Akzeptanzquoten
in den Modellen selbst zu suchen ist.
Modelle internationalisierter Curricula sind nicht ganz sauber gegen echte Mobilitätsprogramme abzugrenzen. Vielfach finden sich Überlappungen, und häufig ist in internationalisierten Lehrveranstaltungen ein späterer Auslandsaufenthalt im Kern bereits angelegt.
Ein internationales Klassenzimmer wird auch dann von den Studierenden
in hohem Maße akzeptiert, wenn es im Ausland stattfindet. Gut ein
Viertel der Studierenden hätte ganz sicher und deutlich mehr als die
Hälfte hätte ziemlich wahrscheinlich oder ganz sicher an einem
internationalen Klassenzimmer im Ausland teilgenommen (
vgl. Abb. 8.17). Bei dem von uns vorgestellten Modell handelt es sich
nicht um ein voll staatlich finanziertes Projekt: für ihren Lebensunterhalt
hätten die Studierenden selbst aufkommen müssen; allerdings wären
BAföG-Zahlungen weitergeleistet und die Fahrtkosten bezahlt worden.
Daß die Anerkennung dieses Projekts als Studienleistung zugesagt
wurde, dürfte sich ebenfalls günstig auf die Akzeptanzquote ausgewirkt
haben. Sie liegt zwischen 50 und knapp 70% (hätte ziemlich wahrscheinlich
oder ganz sicher teilgenommen) bzw. zwischen knapp 20% und gut 40% (hätte
ganz sicher teilgenommen).
Das in
Abb. 8.18 dargestellte Entwicklungshilfeprojekt dient nicht ausschließlich
oder vorrangig der eigenen Qualifizierung, sondern appelliert an die Hilfsbereitschaft
und internationale Solidarität der Studierenden. Die Akzeptanz dieses
Modells ist im Vergleich mit allen anderen vorgestellten Projekten mit
Auslandsmobilität niedrig, obwohl der zeitliche Aufwand mit 8 bis
12 Wochen eher gering ist. Die vergleichsweise geringe Bereitschaft, internationale
Solidarität zu üben, ist bemerkenswert: Solidarität - auch
oder insbesondere internationale Solidarität - scheint für einen
großen Teil der Studierenden kein ausreichendes Motiv zu sein, Arbeit,
Zeit und Kraft zu investieren. Gegenüber solchen Projekten wird denjenigen
der Vorzug gegeben, die an eigenen Interessen anknüpfen, dem eigenen
Fortkommen dienen oder möglicherweise die eigenen Arbeitsmarktchancen
erhöhen.
Eine Art "geschützte" Maßnahme stellt das Modell
"Gruppenprogramm" dar (
Abb. 8.19): die Studierenden fahren mit ihnen bekannten Kommilitonen
gemeinsam ins Ausland. Zusätzlich zum normalen Studienangebot werden
sie in speziell für sie eingerichteten Seminaren betreut und vor Reiseantritt
auf den Auslandsaufenthalt gründlich vorbereitet. Auch finanziell
handelt es sich um ein "Rundum-Sorglospaket": Für die Unterbringung
wird von der Gasthochschule gesorgt, BAföG wird weiter gewährt,
zusätzlich wird ein Stipendium von monatlich DM 300 gezahlt. Auch
für die fremdsprachliche Qualifizierung der Reisenden vor Ort ist
Sorge getragen. Das Modell erfreut sich großer Beliebtheit: etwa
ein Drittel der Studierenden sind sich ganz sicher, daß sie an einem
solchen Gruppenprogramm teilgenommen hätten, ein weiteres Drittel
hätte ziemlich wahrscheinlich teilgenommen.
Das Modell "Doppelabschluß" verlängert den eben
beschriebenen Auslandsaufenthalt in der Gruppe auf etwa die Hälfte
der Gesamtdauer des Hauptstudiums und bietet die Möglichkeit, zusätzlich
zum deutschen zugleich einen entsprechenden ausländischen Studienabschluß
(z.B. Bachelor, Master) zu erhalten. Es handelt sich hier also um ein klassisches
Mobilitätsprogramm. Die Akzeptanzquoten gleichen denen des zuvor vorgestellten
Gruppenprogramms: Zwischen 22 und 40% der Studierenden hätten ganz
sicher, weitere 30% ziemlich wahrscheinlich teilgenommen (
vgl. Abb. 8.20). Daß die Zustimmungsquoten für dieses zeitlich
aufwendige Programm etwa gleich hoch sind wie die für das Modell Gruppenprogramm,
könnte mit dem zusätzlichen internationalen Abschluß zusammenhängen,
der mit ihm erworben wird.
Das Modell "Europakunde" fällt aus dem Rahmen: Es stellt
einen eigenen Studiengang dar, der Europa zum Thema hat. Absolventen dieses
Studienganges qualifizieren sich zum Europaspezialisten (mit entsprechendem
Abschluß) und eignen sich breite interdisziplinäre Kenntnisse
in Recht, Wirtschaft, Geographie und Kultur Europas an. Das Urteil der
Befragten zu einer solchen Möglichkeit internationalisierten Studierens
fällt kritisch aus: Weniger als 4% der Befragten sind sich ganz sicher,
daß sie ein solches Studium aufgenommen hätten, nur weitere
10% hätten dies ziemlich wahrscheinlich getan (
vgl. Abb. 8.21). Bei der Bewertung dieses Ergebnisses ist zu berücksichtigen,
daß in dieser Untersuchung Studierende in höheren Semestern
befragt wurden, denen die Frage nach der Studienfachentscheidung als wenig
relevant erscheinen dürfte. Ob sich das Modell indes größerer
Beliebtheit erfreuen würde, wäre es Studienanfängern vorgelegt
worden, kann angesichts der niedrigen Akzeptanzquoten bezweifelt werden.
In den nachfolgenden
Abbildungen 8.22a und
vgl. Abb. 8.22b ist die strengere Akzeptanzquote (die den Anteil derjenigen
Studierenden angibt, die an einem Modell ganz sicher teilgenommen hätten)
noch einmal in Form einer Rangliste für die von uns befragten Fächergruppen
dargestellt worden. Hinterlegt wurden jeweils die Quoten für alle
Befragten, so daß auf einen Blick ersichtlich ist, welche Modelle
in einem Studienfach eine über- bzw. unterdurchschnittliche Akzeptanz
finden. Auf die größte Zustimmung bei den Studierenden stoßen
Gastvorlesungen ausländischer Hochschullehrer; auch die Sprachkurse
rangieren auf der Beliebtheitsskala ganz oben. Eine ebenfalls hohe Akzeptanz
finden einige der Modelle mit Auslandsmobilität (insbesondere das
Modell "Gruppenprogramm"). Sehr wenig können die Studierenden
demgegenüber mit dem Studiengang Europakunde anfangen und auch staatsbürgerliche
Aufklärungsveranstaltungen wie das Modul "europäische Integration"
finden nur sehr wenig Anhänger. Zusammenfassend läßt sich
sagen: Internationalisierte Studienangebote werden von den Studierenden
sehr begrüßt. Drei Viertel der Befragten sind sich bei mindestens
einem Modell (ohne Sprachkurse) ganz sicher, daß sie teilgenommen
hätten. Nimmt man die Sprachkurse hinzu, sind es sogar 83%. Nahezu
alle Studierenden (98 bzw. 99%) hätten an mindestens einem der Modelle
"ziemlich wahrscheinlich" teilgenommen: die Zahl derjenigen,
die einer Internationalisierung des Studiums grundsätzlich skeptisch
oder ablehnend gegenüber stehen, ist mit höchstens 2% verschwindend
gering.
Beeinflussen soziale und biographische Merkmale der Studierenden ihre
Bereitschaft, an internationalisierten Studienangeboten teilzunehmen? Sind
vielleicht Frauen eher als Männer bereit, im Ausland zu studieren?
Oder spielen die finanziellen Mittel eine Rolle, die den Studierenden zur
Verfügung stehen? Kenntnisse über solche Einflüsse ermöglichen
die Konzeption zielgruppen-adäquater Angebote und Förderungsmaßnahmen.
Die Unterschiede in den Akzeptanzquoten für die verschiedenen soziobiographischen
Merkmale sind allerdings überwiegend gering (
vgl. Abb. 8.23a und
Abb. 8.23b); so finden sich z.B. - anders als bei der Frage nach durchgeführten
Auslandsaufenthalten - nur geringe Unterschiede in der Akzeptanz von Modellen
mit Auslandsmobilität für Studierende unterschiedlicher sozialer
Herkunft. Der Grund für die geringen Unterschiede könnte im zwangsläufig
hypothetischen Charakter einer Akzeptanzabfrage liegen. Zwischen einem
Vorsatz und seiner Umsetzung liegt nicht nur bei Studierenden oft eine
dornige Wegstrecke und nicht jeder gute Wille erreicht das gesetzte Ziel.
Wie die Ergebnisse zeigen, fehlt es z.B. den Studierenden niedriger sozialer
Herkunft nicht an der Bereitschaft, im Ausland zu studieren; auf dem Weg
zur Umsetzung eines solchen Planes scheinen sich ihnen aber mehr Hindernisse
in den Weg zu stellen als Studierenden hoher sozialer Herkunft. Auch geringere
Akzeptanzunterschiede könnten daher Indikatoren sein für zu erwartende
größere Unterschiede bei der tatsächlichen Beteiligung
an internationalisierten Studienangeboten.
Frauen sind eher bereit als Männer, Fremdsprachen zu lernen: Dies gilt insbesondere für weniger gebräuchliche Fremdsprachen: Nur 4% der Studenten sind sich ganz sicher, daß sie an einem Sprachkurs Exot teilgenommen hätten. Von den Studentinnen sind es mit 9% mehr als doppelt so viele. Bei den Englischkursen sind die Akzeptanzunterschiede deutlich geringer. Auch fremdsprachengeizige Männer benötigen Englisch für ihr Studium; dies dürfte die Bereitschaft erhöhen, sich entsprechende Kenntnisse anzueignen. Demgegenüber kann das Erlernen einer exotischen Fremdsprache wie z.B. Norwegisch eher als Luxus betrachtet werden; ein entsprechender Sprachkurs wird daher von Studierenden akzeptiert, denen es Spaß macht, eine Sprache zu lernen: Diese finden sich überproportional häufig unter Studentinnen. Internationalisierte Studienangebote mit Auslandsmobilität werden ebenfalls deutlich häufiger von Frauen als von Männern akzeptiert (Prozentpunktdifferenzen von knapp 10%). Möglicherweise ist dies eine Folge der besseren Fremdsprachenkenntnisse von Frauen bzw. deren größeren Neigung, sich solche zu verschaffen. Für das Modell "virtuelles Seminar" findet sich ein genau umgekehrtes Verhältnis: 18% der Studenten hätten ganz sicher ein solches Studienangebot wahrgenommen; bei den Studentinnen sind es 14%. Für die Hochschulpolitik ergeben sich aus diesen Ergebnissen gegensätzliche Schlußfolgerungen: Die geschlechtsspezifischen Unterschiede können einerseits als Fakt konstatiert und bei der Prognose von Akzeptanzen entsprechend berücksichtigt werden. Andererseits könnte aber auch über eine Sonderförderung der Fremdsprachenkompetenzen bei Männern und der EDV-Kenntnisse bei Frauen nachgedacht werden.
Die Akzeptanz internationalisierter Studienangebote ist - mit einer Ausnahme - relativ unabhängig vom Alter. Die Bereitschaft, sich mit internationalen Inhalten auszueinanderzusetzen bzw. sich internationale Fähigkeiten anzueignen, besteht in allen studentischen Altersgruppen etwa gleichermaßen. Die Ausnahme stellen Modelle mit Auslandsmobilität dar: Die Akzeptanzquote für das Modell Gruppenprogramm beispielsweise liegt bei den bis 23jährigen Studierenden bei fast 80%, sie beträgt bei den 30jährigen und älteren Studierenden nur noch 60%. Ursächlich hierfür könnte eine stärkere Verwurzelung älterer Studierender in sozialen Beziehungsgeflechten und Partnerschaften sein.
Auch die finanzielle Lage der Studierenden hat keinen Einfluß auf die Akzeptanz der vorgestellten Modelle internationalisierten Studierens. Sie wurde in dieser Befragung als subjektive Einschätzung der Studierenden mit der Frage ermittelt: "Was meinen Sie, hatten Sie damals eher weniger oder eher mehr Geld zur Verfügung als Ihre Kommilitonen?". Studierende, die sich finanziell vergleichsweise gut ausgestattet wähnen, akzeptieren internationalisierte Curricula nicht mehr und nicht weniger als ihre ökonomisch schlechter gestellten Kommilitonen. Allerdings wurden die Modelle des Fragebogens bewußt so formuliert, daß eine geringe ökonomische Potenz kein Hindernis für die Teilnahme darstellt (Weiterzahlung von BAföG, Stellung einer Unterkunft etc.). Wäre auf eine solche finanzielle Grundabsicherung der Modelle verzichtet worden, hätte man wahrscheinlich die Gruppe der ökonomisch schlechtergestellten Studierenden schon aufgrund ihrer objektiven Bedingungen für die Modelle nicht gewinnen können.
Im Rahmen der Sozialerhebung ist ein Zeitbudget-Modell entwickelt worden,
das Studierende in 4 Studien-Erwerbs-Typen aufteilt. Es wird unterschieden
einerseits zwischen Teilzeitstudierenden (weniger als 25 Wochenstunden
studienbezogener Zeitaufwand) und Vollzeitstudierenden und andererseits
zwischen Studierenden mit geringer Erwerbsbelastung (3 15 Wochenstunden
Erwerbstätigkeit) und Studierenden mit hoher Erwerbsbelastung (näheres
hierzu vgl. 14. Sozialerhebung, S. 111 ff.). Interessanterweise finden
sich bei der Studierendengruppe mit der größten zeitlichen Belastung
(Vollzeitstudierende mit hoher Erwerbsbelastung) für fast alle Modelle
auch die höchsten Akzeptanzquoten. Wie sich
Abb. 8.23a entnehmen läßt, wirken sich sowohl eine hohe
Erwerbsbelastung als auch ein größeres zeitliches Engagement
im Studium deutlich akzeptanzsteigernd aus. Die Gruppe der Vollzeitstudierenden
mit hoher Erwerbsbeanspruchung scheint eine besonders belastbare Gruppe
Studierender zu sein: Trotz hoher zeitlicher Beanspruchung verbleibt ihnen
Zeit und Kraft für Interesse und Engagement auch an Internationalem.
Auch scheinen umfänglichere Erfahrungen mit Arbeitswelt - unabhängig
vom Studienengagement - das Interesse an internationalisierten Studienangeboten
zu fördern. Teilzeitstudierende zeigen ein unterdurchschnittliches
Interesse an einer Internationalisierung des Studiums. Wie in der 14. Sozialerhebung
gezeigt werden konnte, handelt es sich bei Teilzeitstudierenden mit geringer
Erwerbsbelastung zu einem erheblichen Teil um Mütter, die ihre zeitlichen
Ressourcen auf Kindererziehung, Haustätigkeit, Studium und ein geringes
Maß an Erwerbstätigkeit aufteilen müssen. Einem weiteren
großen Teil dieser Studierenden ist das Studium eher zur Nebensache
geraten. Folgerichtig erscheint ihnen auch die Internationalisierung eines
eher nebensächlich gewordenen Studiums weniger wichtig.
Entsprechend den in den Sozialerhebungen angewandten Verfahren wurden
die Studierenden auch sozialen Herkunftsgruppen zugeordnet (niedrig, mittel,
gehoben, hoch). In das Modell der sozialen Herkunftsgruppen fließen
Kriterien ein wie formale Bildung, berufliche Stellung sowie indirekt das
Einkommen der Eltern (vgl. 14. Sozialerhebung, S. 49 ff.). Wie in Kapitel
7 gezeigt wurde, ist die Durchführung eines studienbezogenen Auslandsaufenthalts
stark abhängig von der sozialen Herkunft der Studierenden: Je höher
die soziale Herkunftsgruppe, desto größer sind auch die Quoten
studienbedingter Auslandsaufenthalte. Die Unterschiede in der Akzeptanz
internationalisierter Studienangebote sind demgegenüber sehr gering;
für den größten Teil der Modelle finden sich keine Unterschiede.
Offensichtlich fehlt es den Studierenden niedriger sozialer Herkunft nicht
an Interesse und Bereitschaft; auf dem Wege zur Realisierung dieses Interesses
scheinen sich ihnen aber mehr und unüberwindliche Hindernisse in den
Weg zu stellen als den Studierenden höherer sozialer Herkunftsgruppen.
Ein wesentliches Hindernis könnte die oben schon angesprochene fehlende
ökonomische Grundabsicherung insbesondere bei studienbezogenen Auslandsaufenthalten
sein: während das Scheitern eines Antrags auf Stipendium für
Studierende niedrigerer sozialer Herkunft i.d.R. auch das Aus von Auslandsstudienplänen
bedeuten dürfte, ist dieser Zusammenhang für Studierende hoher
sozialer Herkunft mit Blick auf das praller gefüllte elterliche Portemonnaie
wenig zwingend. In das Modell sozialer Herkunftsgruppen fließen keine
kulturellen Aspekte oder Unterschiede in den Lebensstilen der Herkunftsfamilien
ein. Unterschiede in der politischen Einstellung werden vom Modell der
sozialen Herkunftsgruppen allenfalls mittelbar erfaßt. Aufschluß
über eine internationale Orientierung der Herkunftsfamilie geben 3
Fragen des Fragebogens: Frage 58: "Wie gut sprechen ihre Eltern eine
Fremdsprache?", Frage 59: "War ihre Mutter und/oder ihr Vater
längere Zeit im Ausland (ein halbes Jahr und mehr)?", Frage 60:
"Ist ihre Mutter und/oder ihr Vater im Ausland geboren?". Eine
internationale Orientierung der Herkunftsfamilie erhöht erwartungsgemäß
die Akzeptanz der Modelle. Die Akzeptanzquoten für die drei Aspekte
"Fremdsprachenkompetenz der Eltern", "längere Auslandsaufenthalte
der Eltern", "Elternteil im Ausland geboren" lassen sich
den
vgl. Abb. 8.23a
und
vgl. Abb. 8.23b entnehmen. Die Unterschiede in den Prozentwerten sind
allerdings überwiegend klein und liegen i.d.R. zwischen 5 und 10 Prozentpunkten.
Zusammenfassend läßt sich sagen: eine internationale Orientierung
der Herkunftsfamilie erhöht die Bereitschaft zur Aneignung internationaler
Qualifikationen geringfügig, von ausschlaggebender Bedeutung ist sie
nicht.
Aufschluß über die Haltung der Studierenden gegenüber fremden Kulturen geben die Antworten auf zwei Aspekte der Frage 10 des Fragebogens: "Erwarten sie, daß die europäische Integration folgendes mit sich bringt:
Auf den Begriff "Überfremdung" machte 1993 die Gesellschaft für deutsche Sprache aufmerksam:
"ÔUnwort des JahresÕ wurde das Wort ÔÜberfremdungÕ. Dieser Begriff dient immer wieder als Pseudoargument für die dumpfe Angst mancher Deutschen, daß sie von angeblich minderwertigen Ausländern majorisiert werden könnten." (Schlosser, H., 1994, S. 10).
Durch Umpolung und Mittelwertbildung wurden die Antworten der Studierenden
zu beiden Items zusammengefaßt. In
Tabelle 8.23b sind unter der Rubrik "Befürchte Überfremdung"
("Erwartungen an Europa: kulturelle Aspekte") diejenigen Studierenden
zusammengefaßt, die sich nicht vorstellen können, daß
die europäische Integration kulturelle Vielfalt und gegenseitige Anregung
der Kulturen mit sich bringt und die gleichzeitig einen Verlust nationaler
Identität und Überfremdung fürchten. In der Rubrik "Erwartung
kultureller Vielfalt" finden sich die Studierenden mit genau gegenläufigem
Antwortverhalten. Insbesondere Modelle mit Auslandsmobilität können
von Studierenden, die eine Überfremdung befürchten, in nur deutlich
geringem Maße akzeptiert werden (Prozentwertdifferenzen von knapp
10%). Immerhin 10% der Studierenden erwarten, daß die europäische
Integration zum Verlust nationaler Identität führt und Überfremdung
mit sich bringt. Dies könnte sich als größerer Hemmschuh
für die Internationalisierung des Studiums erweisen, als es zunächst
erscheinen mag: die Internationalisierung von Hochschulen bedeutet immer
auch ihre Öffnung für Ausländer, für ausländische
Hochschullehrer ebenso wie für ausländische Studierende.
Ob Studierende eines der Modelle internationalisierten Studierens akzeptieren,
hängt entscheidend von ihrer Persönlichkeitsstruktur ab. Extravertierte,
stark handlungsorientierte Studierende haben die mit Abstand stärkste
Bereitschaft, ins Ausland zu gehen oder auf andere Weise Kontakt mit ausländischen
Studierenden aufzunehmen. In
vgl. Abb. 8.24 wird der Zusammenhang zwischen der Akzeptanz der Modelle
internationalisierten Studierens und der Handlungsorientierungen der Studierenden
ausgewiesen, weil für diese Subdimension des Persönlichkeitsfaktors
Extraversion Unterschiede am deutlichsten zutage treten; für die Extraversionsskala
finden sich aber die gleichen Zusammenhänge mit leicht geringeren
Prozentpunktdifferenzen (zur Bestimmung der Persönlichkeitsstruktur
vgl.
Kapitel 7.4.3). Die größten Akzeptanzunterschiede finden
sich für die Modelle mit Auslandsmobilität: So sind sich z.B.
knapp 40% der hoch handlungsorientierten Studierenden ganz sicher, daß
sie an einem internationalen Klassenzimmer im Ausland teilgenommen hätten.
Von den Studierenden mit geringerer Handlungsorientierung sind dies nur
10%. Für das Modell Doppelabschluß, bei dem mehrere Semester
im Ausland verbracht werden, finden sich ähnliche Ergebnisse (44%
der stark Handlungsorientierten, aber nur 17% der schwach Handlungsorientierten
hätten ganz sicher eine solche Möglichkeit wahrgenommen). Daß
sich die größte Teilnahmebereitschaft bei den extravertierten,
stark handlungsorientierten Studierenden findet, gilt für nahezu alle
Modelle; es gilt aber nicht für alle Modelle in gleichem Maße.
Bei einigen der Modelle wirkt sich die Persönlichkeitsstruktur der
Studierenden deutlich weniger auf die Akzeptanzquoten aus als bei anderen.
Dies könnte auch ein Ansatzpunkt für bildungspolitische Maßnahmen
sein: Während der Einfluß der Bildungspolitik auf die Persönlichkeitsstruktur
der Studierenden gering sein dürfte, kann sie sehr wohl Einfluß
nehmen auf die Form internationalisierter Studienangebote. Es finden sich
eine Reihe von Modellen, die relativ häufig auch von introvertierten
Studierenden akzeptiert werden. So findet z.B. das beliebteste der von
uns vorgestellten Modelle, das Modell GastdozentIn, auch eine große
Zustimmung von introvertierten Studierenden: Ein gutes Drittel der nur
schwach handlungsorientierten Studierenden hätte ganz sicher, ein
weiteres Drittel ziemlich wahrscheinlich an einer solchen Veranstaltung
teilgenommen. Die Unterschiede in den Akzeptanzquoten sind hier deutlich
geringer (schwach Handlungsorientierte: 69%; stark Handlungsorientierte:
83%). Ähnliches gilt für das virtuelle Seminar (40 vs. 49%),
für das Modul europäische Integration in Deutsch (37 vs. 40%)
und auch für das Parallelseminar (28 vs. 45%).
Selbst Modelle mit Auslandsaufenthalt erscheinen einem großen
Teil der introvertierten Studierenden akzeptabel, wenn sie entsprechend
gestaltet sind: Die Akzeptanzquote zum Modell Gruppenprogramm beispielsweise
liegt mit 55% auch für nur schwach handlungsorientierte Studierende
vergleichsweise hoch (stark handlungsorientierte Studierende 77%). Die
Akzeptanz der Modelle steigt mit der Handlungsorientierung der Studierenden.
Für einige Modelle steigt die Akzeptanzquote linear; bei vielen Modellen
findet sich ein Sprung zwischen Studierenden mit eher hoher und mit hoher
Handlungsorientierung. Der Einfluß der Persönlichkeitsdimension
ist daher nicht nur relevant für die relativ kleine Gruppe mit geringer
Handlungsorientierung, sondern auch für Studierende mit eher geringer
oder eher hoher Handlungsorientierung.
vgl. Abbildung 8.25 kann entnommen werden, daß ca. 40% der Studierenden
gering oder eher gering handlungsorientiert sind; nur ein gutes Viertel
der von uns befragten Studierenden gehört zur Gruppe der stark Handlungsorientierten.
Nimmt man daher bei der Entwicklung und dem Angebot von Modellen internationalisierten
Studiums Rücksicht auf diesen Einflußfaktor, dann kann auch
mit einer breiteren Teilnahme gerechnet werden. Von besonderer Bedeutung
ist dies in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern. Hier ist
der Anteil der eher introvertierten Studierenden am größten.
Je besser die Fremdsprachenkenntnisse eines Studierenden sind, desto
eher ist er bereit, internationalisiert zu studieren. Die praktische Bedeutung
dieser an sich trivialen Erkenntnis ist angesichts des großen Anteils
Studierender mit mäßigen und schlechten Fremdsprachenkenntnissen
(vgl.
Kap. 5) hoch: Maßnahmen, die die Fremdsprachenkenntnisse und
insbesondere die Englischkenntnisse der Studierenden verbessern, dürften
quasi automatisch auch eine Steigerung der Akzeptanz internationalisierter
Curricula bei den Studierenden bewirken.
vgl. Abbildung. 8.26 läßt sich die Abhängigkeit der
Akzeptanzquoten von den Fremdsprachenkenntnissen der Studierenden entnehmen:
Am Modell GastdozentIn z.B. hätten die Hälfte der Studierenden
mit sehr guten oder guten Englischkenntnissen ganz sicher teilgenommen,
von den Studierenden mit mittleren Englischkenntnissen sind es nur noch
ein Viertel, von den mit eher schlechten Englischkenntnissen nur noch ein
Achtel. Die Abhängigkeit der Akzeptanz von den Englischkenntnissen
gilt nicht nur für Angebote, die einen direkten Kontakt zu Ausländern
erfordern; die Abhängigkeit besteht auch bei Modellen wie dem virtuellen
Seminar, bei dem durch die Nutzung neuer Informationstechnologien spontane,
schnelle Reaktionen nicht erforderlich sind. Ein Fünftel der Studierenden
mit sehr guten und guten Englischkenntnissen hätten am Modell virtuelles
Seminar ganz sicher teilgenommen, von den Studierenden mit mittleren bis
schlechten Englischkenntnissen behaupten dies von sich nur noch etwa ein
Zehntel. Auch für Modelle mit Auslandsmobilität zeigen sich die
gleichen Abhängigkeiten: So hätten beispielsweise knapp 40% der
Studierenden mit guten und sehr guten Englischkenntnissen ganz sicher am
Modell Doppelabschluß teilgenommen, von den Studierenden mit mittleren
bis schlechten Englischkenntnissen sind es nur noch etwa 20%. Dieses Ergebnis
löst auch das "Henne-Ei-Problem" des
vgl.
Kapitel 7.4.5: Dort konnte zwar gezeigt werden, daß eine Abhängigkeit
besteht zwischen studentischer Auslandsmobilität und Englischkenntnissen.
Es konnte jedoch nicht geklärt werden, ob gute Fremdsprachenkenntnisse
Ergebnis der Auslandsaufenthalte oder umgekehrt, die größere
Bereitschaft zu Auslandsaufenthalten sich aus den besseren Englischkenntnissen
dieser Studierenden erklärt. Sicherlich kann ein Auslandsaufenthalt
die Sprachkenntnisse verbessern. Mindestens ebenso zutreffend ist aber
umgekehrt, daß gute Fremdsprachen- und insbesondere gute Englischkenntnisse
stark die Bereitschaft erhöhen, internationalisiert zu studieren.
Für eine Internationalisierung des Studiums, so kann resümiert
werden, kommt daher der Verbesserung der Fremdsprachenkompetenz der Studierenden
eine zentrale Bedeutung zu.
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Empfehlungen Kapitel 8 |
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© 1997,
Hochschul-Informations-System GmbH Hannover
Peter Müßig-Trapp (muessig@his.de)