Internationalisierung des Studiums
Hochschul-Informations-System
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Die Planung und Durchführung eines Studiums im Ausland hat nicht nur erfreuliche Facetten. Schon die Beschaffung von Informationen kann ein Problem darstellen. Einjährige Vorbereitungszeiten sind eher die Regel als die Ausnahme. In dieser Zeit müssen sich Bewerber Eignungstests unterziehen, sofern sie ein Stipendium in Anspruch nehmen wollen, es sind Sprachkenntnisse aufzufrischen bzw. zu erwerben. Die Durchführung eines längeren Aufenthalts erfordert eine Reihe von organisatorischen Vorkehrungen, die vor Abreise getroffen werden müssen. Im Ausland angekommen sind eine Reihe weiterer Schwierigkeiten zu bewältigen, die ein reguläres effizientes Studieren zunächst verhindern. Neben möglichen Problemen mit Wohnen und der Organisation des Alltags stellt sich dem Studierenden zunächst die Aufgabe, sein soziales Umfeld und die Studienorganisation an der Gasthochschule zu erkunden und zu verstehen und, in vielen Fällen vielleicht das Wichtigste, seine Fremdsprachenkenntnisse zu verbessern und sie auch aktiv zu gebrauchen. Ein studienbezogener Auslandsaufenthalt kostet also Zeit und Kraft, die dann für andere, möglicherweise ebenso wichtige Dinge, nicht mehr zur Verfügung steht. Eine Verlängerung der Studienzeit kann nur vermieden werden, wenn entweder an anderer Stelle "gespart" (z.B. durch Verzicht auf bestimmte andere Studieninhalte) oder wenn auf Freizeit verzichtet wird und das Studienpensum auf diese Weise in kürzerer Zeit bewältigt werden kann. Gerade Studierende, die den persönlichen Gewinn eines Auslandsaufenthaltes eher gering veranschlagen, könnten daher in einen Zielkonflikt kommen. Sind Auslandserfahrungen und internationale Fähigkeiten für eine spätere Berufstätigkeit so wichtig, daß sich ein Zeitverlust oder Freizeitverzicht lohnt? Oder erhöhen vielleicht andere Fähigkeiten (z.B. spezifische Fachkenntnisse, Berufserfahrung) eher die Chancen bei der Stellensuche? Im folgenden Kapitel wird dargestellt, welche Qualifikationen in Stellenanzeigen nachgefragt werden. Es sollte hierbei nicht vergessen werden, daß die Angaben in Inseraten in der Regel formale Kriterien für eine Vorselektion darstellen und sich viele konkrete Anforderungen erst im Vorstellungsgespräch offenbaren. Auch wenn bestimmte Qualifikationen in einer Stellenanzeige nicht genannt werden, können sie daher bei der Personalauswahl relevant sein.
Möglicherweise befindet sich die tatsächliche Nachfrage
auf dem Stellenmarkt nicht im Einklang mit den Vermutungen, die die Studierenden
hierzu anstellen. Aus diesem Grunde wird in Kapitel
6.2 dargestellt, welche Qualifikationen die Studenten selbst für
besonders arbeitsmarkt-relevant halten. Im
Kapitel
6.3 schließlich werden die in Stellenanzeigen veröffentlichten
Qualifikationsanforderungen mit den studentischen Vermutungen zu berufs-
bzw. bewerbungsrelevanten Arbeitsmarktanforderungen verglichen.
Die von uns durchgeführte Analyse von 1360 Stellenanzeigen gibt
Aufschluß über die "veröffentlichten" Qualifikationsanforderungen,
die der Arbeitsmarkt stellt (zur Durchführung der Stellenanzeigenanalyse
vgl. Kapitel
3.2 und
Kapitel
A.4). Dieser veröffentlichte Bedarf kann sich aus mindestens zwei
Gründen vom tatsächlichen unterscheiden:
1. Bestimmte Fähigkeiten könnten von den Nachfragern als so selbstverständlich erachtet werden, daß auf ihre ausdrückliche Nennung verzichtet wird. Denkbar ist das in bestimmten Berufsgruppen z.B. für Englischkenntnisse.
2. Möglich ist auch, daß der Bedarf einer Qualifikation angezeigt wird, ohne daß er im späteren Tätigkeitsfeld tatsächlich benötigt wird. Das Motiv hierfür könnte einerseits sein, bestimmte Problemlösungskompetenzen für den Bedarfsfall in Reserve zu halten. Andererseits könnte auch von nachgefragten, aber nicht benötigten Qualifikationen auf andere, schwer erfragbare, aber benötigte Qualifikationen geschlossen werden (z.B. läßt die Durchführung eines Auslandsaufenthalts auf Wendigkeit, Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten schließen).
Abbildung
6.1 gibt zunächst einen Überblick über die Anzahl der
in den Stellenanzeigen nachgefragten Formalqualifikationen. Damit wird
nur ein Ausschnitt der Gesamtnachfrage auf dem Arbeitsmarkt dargestellt:
Personal wird nicht nur über Stellenanzeigen rekrutiert, sondern z.B.
auch über Spontanbewerbungen, Empfehlungen usw. Dies könnte von
Fach zu Fach unterschiedlich stark ausgeprägt sein: möglicherweise
bildet der Anzeigenmarkt die tatsächliche Nachfrage daher verzerrt
ab.
Insgesamt hätten sich die von uns befragten Studierenden auf gut 1600 Stellen bewerben können. Diese Zahl ist deshalb um knapp 20% höher als die Anzahl der Stellenanzeigen, weil sich häufiger Absolventen verschiedener Studienrichtungen auf dieselbe Stelle hätten bewerben können. Die Nachfrage nach ingenieurwissenschaftlichen Qualifikationen zum Erhebungszeitpunkt (Jahreswechsel 1995/96) ist hoch. Mehr als ein Drittel aller gesuchten Qualifikationen gehört in diese Kategorie. Ein gutes Viertel der Stellenanzeigen richtet sich an Absolventen der Betriebswirtschaftslehre. Die geringste Nachfrage findet sich für sozialwissenschaftliche Qualifikationen (Politikwissenschaften, Soziologie, Sozialwissenschaften). Nur 3% der Stellenanzeigen richten sich an diese Personengruppe. Etwas größer ist das Angebot für Studierende der Sozialpädagogik, der Pädagogik und der Psychologie. Die Studierenden dieser Fächer wurden nicht den Sozialwissenschaften zugeordnet, weil sich das nachgefragte Qualifikationsprofil deutlich von dem der Sozialwissenschaftler unterscheidet. In knapp 9% der Stellenanzeigen wird nach diesen Hochschulabschlüssen verlangt.
Von herausragender Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt sind Englischkenntnisse
(
vgl.
Abb. 6.2). In fast 40% der Anzeigen werden hier Kenntnisse verlangt.
Dabei wird ganz überwiegend (zu 90%) darauf hingewiesen, daß
gute oder sehr gute Kenntnisse vorliegen sollen, daß fließend
Englisch gesprochen werden soll, es wird "verhandlungssicheres"
Englisch erwartet etc. Der Bedarf an englischsprachigen Hochschulabsolventen
ist erstaunlicherweise für die Ingenieurwissenschaften mit deutlichem
Abstand am höchsten. In 55% der für Ingenieurwissenschaften relevanten
Stellenanzeigen werden Englischkenntnisse verlangt. Deutlich niedriger,
aber mit 45% ebenfalls hoch ist der Bedarf an englischsprechenden Wirtschaftswissenschaftlern
(BWL). Auch von Informatikern werden in einem Drittel der Fälle gute
oder sehr gute Englischkenntnisse erwartet. Sehr gering ist der Bedarf
hingegen auf dem für Sozialpädagogen, Pädagogen und Psychologen
relevanten Arbeitsmarkt. Anders bei den (allerdings wenigen) Stellengesuchen
nach Soziologen, Politologen, Sozialwissenschaftlern: hier werden Englischkenntnisse
immerhin in einem knappen Viertel der Fälle erwartet. Mit knapp 10%
sehr gering ist auch der Bedarf an englischsprachigen Architekten und Bauingenieuren.
Die Arbeitsmarktrelevanz von Englischkenntnissen ist, das zeigen die Ergebnisse,
sehr unterschiedlich. Während mehr als die Hälfte der Studierenden
aus ingenieurwissenschaftlichen Fächern damit rechnen müssen,
daß bei einer Bewerbung gute Englischkenntnisse entscheidungsrelevant
sind, spielen Englischkenntnisse bei Sozialpädagogen, Pädagogen
und Psychologen überhaupt keine, bei Architekten und Bauingenieuren
eine nur sehr untergeordnete Rolle.
Abbildung
6.2 zeigt auch, daß die Quote der nachgefragten
Englischkenntnisse weitgehend der Quote nachgefragter Fremdsprachenkenntnisse
entspricht. Für die naturwissenschaftlichen und technischen Fächer
wird die Englischquote von der Fremdsprachenquote um maximal einen Prozentpunkt
übertroffen. Ein etwas anderes Bild zeigt sich nur bei den sozialwissenschaftlichen,
pädagogischen und psychologischen Fächern. Hier finden sich in
jeweils etwa 5% der Fälle Stellenanzeigen, in denen nicht Englisch,
dafür aber eine andere Fremdsprache gefordert wird.
Wie sich
Abbildung
6.3 entnehmen läßt, bedeutet dies
nicht, daß Englisch die einzig nachgefragte Fremdsprache ist. Es
bedeutet nur, daß - zumindest in den naturwissenschaftlich-technischen
Fächern - wenn überhaupt Fremdsprachenkenntnisse verlangt werden,
dann so gut wie immer auch Englisch dabei ist. In nicht unerheblichem Umfang
wird in den Stellenanzeigen auch Mehrsprachigkeit verlangt (fast ausschließlich
Zweisprachigkeit). In immerhin 14% der für Ingenieurwissenschaftler
interessanten Stellenanzeigen werden 2 oder mehr Sprachen verlangt. Für
Betriebswirtschaftslehre liegt diese Quote kaum niedriger (12%). Im Vergleich
mit Englisch ist der Bedarf an anderen Fremdsprachenkenntnissen allerdings
eher gering. Auch sind die Anforderungen an die Qualität dieser Fremdsprachenkenntnisse
deutlich niedriger: nur in Ausnahmefällen werden gute oder sehr gute
Kenntnisse verlangt. Die größte Nachfrage findet sich wiederum
bei den Ingenieurwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre (14 bzw.
13%), aber auch bei den Sozialwissenschaften (14%,
vgl. Abb. 6.4). Allerdings verteilen sich diese Qualifikationsanforderungen
auf eine Vielzahl unterschiedlicher Sprachen, so daß keine Empfehlungen
gegeben werden können, welche weiteren Fremdsprachen sinnvollerweise
zu erlernen wären. In 39% aller von uns analysierten Stellenanzeigen
werden Englischkenntnisse verlangt. Kenntnisse in Französisch werden
in 2,6%, Kenntnisse in Griechisch in 2,1%, in Spanisch 0,9%, Italienisch
0,7% verlangt. Für alle anderen Sprachen werden Kenntnisse in weniger
als 0,5% der Fälle benötigt. Überrascht hat auch die geringe
Nennung osteuropäischer Sprachen: Hochschulabsolventen mit Russischkenntnissen
z.B. werden in nur 0,1% aller Stellenanzeigen gesucht.
Ob ein Hochschulabsolvent Fremdsprachenkenntnisse - das heißt
in der Regel Englischkenntnisse - braucht, hängt im sehr starken Maß
auch davon ab, ob er eine Beschäftigung in der Privatwirtschaft oder
im öffentlichen Dienst anstrebt. Fremdsprachenunkundige Studierende
scheinen im öffentlichen Dienst größere Bewerbungschancen
zu haben als in der Privatwirtschaft. In den Naturwissenschaften beispielsweise
werden in knapp der Hälfte der Stellenangebote aus der Privatwirtschaft
Englischkenntnisse verlangt, aber in nicht einmal 5% der Stellenanzeigen
aus dem öffentlichen Dienst (
vgl.
Abb. 6.5). Während aber Naturwissenschaftler eine realistische
Chance haben, einen Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst zu finden
(knapp die Hälfte aller Stellenangebote für Naturwissenschaftler
kommen aus diesem Bereich), gilt dies weder für Ingenieurwissenschaftler
noch für Informatiker. Nur etwa 10% der Stellen für diesen Personenkreis
werden im öffentlichen Dienst angeboten. Nicht allen fremdsprachenunkundigen
Hochschulabsolventen kann es daher gelingen, in diesem Bereich unterzukommen.
Und in der Privatwirtschaft werden von Ingenieuren in knapp 60%, von Informatikern
in 40% der Fälle Englischkenntnisse verlangt.
Daß die hohe Nachfrage von Fremdsprachenkenntnissen nicht auf
willkürliche Launen von Personalchefs zurückzuführen ist,
sondern einen realen Hintergrund hat, zeigen die
Abbildungen
6.6 und
6.7.
In vielen Stellenanzeigen wird darauf hingewiesen, daß im Tätigkeitsbereich
der annoncierten Stelle Auslandskontakte anfallen. Diese Angaben korrelieren
sehr deutlich mit denen in
Abb.6.2.
zu den erforderlichen Fremdsprachenkenntnissen. In etwa jeweils der Hälfte
der Fälle, in denen Englischkenntnisse gefordert werden, fallen in
der inserierten Tätigkeit auch Auslandskontakte an. Die höchste
Quote findet sich hier wieder bei den Ingenieurwissenschaftlern: Mehr als
ein Viertel der inserierten Stellen beinhalten Auslandskontakte. Bei den
für Betriebswirtschaftlehre-Absolventen interessanten Stellen liegt
die Quote mit 23% kaum niedriger. Daß sich diese Auslandskontakte
überwiegend auch im Ausland und nicht am Beschäftigungsort abspielen
werden, zeigt die Tatsache, daß gleichzeitig regelmäßig
auch eine internationale Reisebereitschaft erwartet wird (
vgl.
Abb. 6.7). Ein Fünftel der inserierten ingenieurwissenschaftlichen
Stellen erfordern eine internationale Reisebereitschaft, für Betriebswirtschaftslehre
liegt der Wert immerhin noch bei 13%.
Die große Nachfrage nach Fremdsprachenkenntnissen (insbesondere
Englisch) sowie die relativ häufigen Hinweise auf die mit der beruflichen
Tätigkeit verbundenen Auslandskontakte und -reisen läßt
auch eine große Nachfrage nach Hochschulabsolventen mit Auslandserfahrungen
erwarten. Dies drückt sich allerdings nicht in entsprechenden Stellenanzeigen
aus. Der Anteil an Stellenanzeigen, in denen international anerkannte Studienabschlüsse
verlangt werden oder in denen als Qualifikationsmerkmal von Bewerbern ein
Auslandsstudium genannt wird, ist verschwindend gering. Im nennenswerten,
aber insgesamt doch geringen Umfang werden lediglich internationale Berufserfahrungen
nachgefragt (
vgl.
Abb. 6.8). Hier wird die Nachfrage angeführt von den Inseraten,
in denen nach Sozialwissenschaftlern gesucht wird: in 5% der Fälle
sind internationale Berufserfahrungen ein Einstellungskriterium, von Betriebswirten
und Ingenieuren werden internationale Berufserfahrungen in 4% der Inserate
gewünscht. Angesichts der hohen Nachfrage nach berufserfahrenen Hochschulabsolventen
(siehe unten) erscheint dieser Wert sehr gering. Möglicherweise wird
das Angebot auf dem deutschen Arbeitsmarkt als so gering erachtet, daß
entsprechende Anforderungen in Stellenanzeigen wegen Aussichtslosigkeit
unterbleiben. Es finden sich Hinweise in der Literatur, daß der Bedarf
an international erfahrenen Führungskräften nicht auf dem deutschen
Markt, sondern direkt im Ausland befriedigt wird. So finden Bittner &
Reisch in der Studie "Internationale Personalentwicklung in deutschen
Großunternehmen" für das Institut für interkulturelles
Management (1992, S. 11 ff.), daß ein Drittel der befragten Großunternehmen
gezielt ausländische "High potentials" akquiriert und rekrutiert.
Ein gewisser Teil des Bedarfs scheint auch durch innerbetriebliche Maßnahmen
gedeckt zu werden. Mehr als ein Viertel der in der genannten Studie befragten
Großunternehmen führen gezielte Führungskräfte-Trainings
in Cross-Culture-Management durch. Auch Führungskräfte werden
überwiegend nicht über Stellenanzeigen gewonnen, sondern z.B.
über Headhunter. Es ist daher zu vermuten, daß der in Stellenanzeigen
veröffentlichte Bedarf an internationalen Erfahrungen weit unterhalb
des tatsächlichen Bedarfs liegt.
Im folgenden werden eine Reihe weiterer häufiger in Stellenanzeigen nachgefragter Qualifikationen dargestellt, die nicht direkt mit Internationalisierung zu tun haben, aber möglicherweise Einfluß nehmen auf die Entscheidung Studierender für oder gegen einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt. Studierende, die sich Gedanken machen über den Marktwert ihrer Arbeitskraft nach Studienabschluß, haben abzuwägen zwischen verschiedenen chancensteigernden Maßnahmen; die Ausbildung internationaler Qualifikationen ist nur eine von mehreren möglichen Alternativen.
Von größter Bedeutung auf dem Arbeitsmarkt ist der Nachweis
von Berufserfahrungen. Für keinen der untersuchten Hochschulabschlüsse
wird in weniger als 50% der Fälle Berufserfahrung erwartet (
vgl.
Abb. 6.9). Die Spitzenreiter sind hier die Stellenanzeigen für
Betriebswirtschaftler. Mehr als ein Drittel der Inserate verlangt mehr
als 5 Jahre Berufserfahrung, zwischen 3 und 5 Jahren werden von weiteren
15% verlangt. Rechnet man noch diejenigen zu, die weniger als 3 Jahre Berufserfahrung
verlangen (aber mehr als wenig Berufserfahrung), so ist für Betriebswirtschaftler
in fast 80% der Fälle Berufserfahrung Einstellungsvoraussetzung. In
nur 13% der Stellenangebote wird ausdrücklich darauf hingewiesen,
daß auch Hochschulabsolventen mit geringer oder keiner Berufserfahrung
eine Chance haben. Selbst wenn man davon ausgeht, daß in den 7% der
Stellenangebote, in denen zur Frage Berufserfahrung nichts ausgesagt ist,
auch keine verlangt werden, so steht Betriebswirtschaftlern ohne Berufserfahrung
nur ein Fünftel des über Stellenanzeigen ausgewiesenen Gesamtarbeitsmarktes
zur Verfügung. Ein fast identisches Ergebnis findet sich auch für
den für Ingenieurwissenschaftler relevanten Arbeitsmarkt, mit dem
Unterschied, daß hier die Dauer der Berufserfahrung geringfügig
niedriger sein darf: hier wird von gut 40% der Hochschulabsolventen Berufserfahrung
von 3 und mehr Jahren erwartet. Deutlich bessere Chancen beim Berufseinstieg
haben Absolventen der Naturwissenschaften und der Informatik. Hier wird
in insgesamt 20% der Anzeigen ausdrücklich auch nach Absolventen ohne
berufliche Vorerfahrungen gefragt. Aber auch hier wird in knapp einem Viertel
drei- und mehrjährige Berufstätigkeit zur Einstellungsvoraussetzung.
Gleiches gilt für jeweils 35% der Stellenanzeigen für Architekten,
Bauingenieure und Sozialwissenschaftler. Lediglich in den Bereichen Sozialpädagogik,
Pädagogik und Psychologie scheinen langjährige Berufserfahrungen
eine geringere Bedeutung zu spielen. Hier wird in nur 12% der Fälle
drei und mehr Jahre Berufserfahrung erwartet, dafür liegt hier die
Nachfrage nach kürzeren Zeiten von Berufserfahrungen mit 41% überdurchschnittlich
hoch.
Abbildung 6.9 zeigt auch, daß ganz überwiegend nicht Erfahrungen
mit beruflicher Tätigkeit im allgemeinen gesucht werden, sondern spezifische,
auf die avisierte Tätigkeit zugeschnittene Vorerfahrungen. In etwa
70% der Anzeigen sowohl für Betriebswirtschaftler als auch für
Ingenieure werden solche spezifischen Kenntnisse und Vorerfahrungen verlangt.
Für alle anderen der von uns untersuchten Hochschulabschlüsse
gilt dies in etwa der Hälfte der Fälle. Eine Ausnahme hiervon
bildet lediglich der Arbeitsmarkt für Sozialpädagogen, Pädagogen
und Psychologen: Hier liegt die Quote nachgefragter tätigkeitsspezifischer
Berufserfahrungen bei 37%.
Gleichzeitig ist in nicht wenigen Anzeigen Jugendlichkeit gefragt (
Abb.
6.10). Immerhin 6% der Betriebswirte dürfen nicht älter als
35 Jahre sein, in 11% der Fälle bedeutet die Erreichung des 40. Lebensjahres
das berufliche Aus. Auch Informatiker und Ingenieure sollen jung sein.
Hier findet sich in 5 bzw. 4% der Stellenanzeigen der explizite Hinweis,
keine Arbeitskräfte jenseits der 35 zu benötigen.
Gegen ein Auslandsstudium könnte auch die Forderung nach kurzen
Studienzeiten in Stellen-inseraten sprechen. Für besonders bedeutungsvoll
scheinen kurze Studienzeiten für Stellen gehalten zu werden, die durch
Naturwissenschaftler besetzt werden sollen. In immerhin 7% der für
diesen Personenkreis relevanten Stellenanzeigen wird dies als Qualitätsmerkmal
betrachtet und daher zur Einstellungsvoraussetzung gemacht. Für alle
anderen Studienfächer spielt die Dauer der Studienzeit - jedenfalls
in den Stellenanzeigen - eine nur untergeordnete oder keine Rolle: 2% der
Informatiker und Ingenieure, knapp 1% der Betriebswirte müssen kurze
Studienzeiten vorweisen. Architekten, Bauingenieuren, Sozialwissenschaftlern,
Sozialpädagogen, Pädagogen und Psychologen wird dies überhaupt
nicht abverlangt (
vgl.
Abb. 6.11).
In nicht unerheblichem Umfang werden auch gute Abschlußnoten gefordert.
Dies gilt insbesondere für die Sozialwissenschaften (14%), aber auch
in den naturwissenschaftlichen und technischen Fächern sowie in Betriebswirtschaftslehre
wird dieser Qualitätsnachweis in etwa 10% aller Stellenanzeigen gefordert
(
vgl.
Abb. 6.12). Sehr gute Abschlüsse bei kürzester Studienzeit
- diesem Anforderungsprofil sehen sich in besonderer Weise Naturwissenschaftler
ausgesetzt. Allerdings finden sich diese Anforderungen in jeweils nur etwa
10% der Fälle.
Unter dem unbestimmten Begriff soziale Kompetenzen haben wir nicht nur
die explizite Nachfrage nach "sozialer Kompetenz" gefaßt,
sondern auch Hinweise wie "ausgeprägte Konfliktsteuerungsfähigkeit",
"ausgeprägte Teamfähigkeit", "gute Kommunikationsfähigkeit",
aber auch z.B. "Konfliktstärke", "Freude am Umgang
mit anspruchsvollen Geschäftspartnern" etc. In etwa einem Drittel
aller Stellenanzeigen werden soziale Kompetenzen von den Bewerbern verlangt
(
vgl.
Abb. 6.13). Welche Bedeutung soziale Kompetenzen bei einer Bewerbung
tatsächlich haben, kann auf Grundlage einer Stellenanzeigenanalyse
nicht ermittelt werden. Der einschlägigen Literatur zur Berufseignungsdiagnostik
kann entnommen werden, daß solchen Fähigkeiten von Personalchefs
allgemein zwar eine große Bedeutung zugemessen wird, aber eine gewisse
Hilflosigkeit besteht, wenn es darum geht, soziale Kompetenzen bei Bewerbern
zu beurteilen. Das Institut der deutschen Wirtschaft fand anläßlich
einer Unternehmensbefragung 1993 heraus, daß persönlichen Merkmalen
von Bewerbern durchweg eine höhere Bedeutung zugeschrieben wird als
formalen Zusatzqualifikationen. Neben einer hohen Eigenmotivation werden
insbesondere Kooperations- und Teamfähigkeit sowie Merkmale gruppenbezogenen
Arbeitens erwartet (vgl. Schuler, 1996, S. 23). Wenn auch die Beurteilung
solcher Fähigkeiten noch immer überwiegend unstrukturiert durch
Interviews mit der Personalabteilung geschieht, so sind in den letzten
Jahren in deutschen Unternehmen auch andere strukturierte Verfahren auf
dem Vormarsch. Bei einer Untersuchung von Schuler, Frier & Kaufmann
(1993, S. 32) werden zur Beurteilung auch der sozialen Kompetenzen von
Führungskräften in etwa 15% der befragten größeren
deutschen Unternehmen sogenannte Assessment Center-Trainings durchgeführt.
In knapp 10% der Unternehmen müssen sich neu einzustellende Führungskräfte
einem Persönlichkeitstest unterziehen.
Bei den von uns untersuchten Stellenanzeigen werden soziale Kompetenzen am häufigsten von Betriebswirten und Sozialwissenschaftlern erwartet (43 bzw. 40%). Aber auch in den technischen Fächern spielen soziale Kompetenzen offenkundig eine erhebliche Rolle. In etwa einem Drittel der Anzeigen finden sich auch für diesen Personenkreis solche Qualifikationsanforderungen. Die Ergebnisse der Stellenanzeigenanalyse bestätigen die Einschätzung Schulers: "Insgesamt mögen sich die eher geisteswissenschaftlich orientierten Branchen sowie die Forschung und Technik generell als Arbeitsbereiche für Personen anbieten, die eher zu ernsthafter, an langfristigen Zielen orientierter und zumindest partiell a-sozialer Tätigkeit neigen. Doch man sollte sich nicht täuschen. Gemäß den Ergebnissen einer eigenen Untersuchung im Bereich der industriellen Forschung und Entwicklung gehören soziale Kompetenzen inzwischen auch dort zu den wichtigsten Voraussetzungen beruflichen Erfolgs" (Schuler, 1996, S. 27).
Die in der Stellenanzeigenanalyse gefundenen Ergebnisse
werden gestützt durch eine vom Bundesinstitut für Berufsbildung
durchgeführte Erwerbstätigenbefragung (1% Stichprobe 1992). 44%
der in der BIBB/IAB-Erhebung befragten Hochschulabsolventen geben an, in
ihrer derzeitigen Tätigkeit "besondere Kenntnisse" in einer
Fremdsprache zu benötigen (vgl. Wordelmann & Matthes, 1995, S.
56). Der Fremdsprachenbedarf für Hochschulabsolventen verschiedener
Fächer kann der Studie leider nicht entnommen werden; Standarddifferenzierungskriterium
sind hier Branchen. Die hohen Quoten (zwischen knapp 50% und 60%) für
Chemie, Maschinenbau, Kfz-Industrie, Elektrotechnik, Feinmechanik etc.
geben jedoch zu der Vermutung Anlaß, daß Fremdsprachenkenntnisse
nicht nur von in diesem Bereich beschäftigten Wirtschaftswissenschaftlern
benötigt werden, sondern auch von den Absolventen der technischen
Fächer. In der BIBB-Untersuchung wurden Hochschulabsolventen auch
danach gefragt, ob sie schon einmal für längere Zeit "aus
beruflichen Gründen im Ausland" gewesen seien. Knapp 15% der
Befragten aus den alten Bundesländern bejahen diese Frage. Hohe Werte
von um die 20% finden sich für die Branchen Chemie, Maschinenbau,
Elektrotechnik und andere Branchen, niedrige Werte finden sich insbesondere
auch für die öffentliche Verwaltung (11,5%). Auch diese Ergebnisse
korrespondieren gut mit den in den Stellenanzeigen gefundenen absehbaren
Auslandskontakten (
vgl.
Abb. 6.6). Wenn berücksichtigt wird, daß die BIBB-Untersuchung
bereits 5 Jahre zurückliegt und der Internationalisierungsprozeß
in der Wirtschaft in den letzten Jahren mit Sicherheit zugenommen hat,
dann passen die Einschätzungen der im Berufsleben stehenden Hochschulabsolventen
sehr gut zu der veröffentlichten Nachfrage in Stellenanzeigen. Dies
zeigt, daß veröffentlichter und tatsächlicher Bedarf jedenfalls
nicht sehr weit auseinander liegen und die Angaben in den Stellenanzeigen
als Indikator für den tatsächlichen Bedarf verwendet werden können.
Die Anforderungen des Arbeitsmarkts, die im vorausgegangenen Kapitel
anhand von Stellenanzeigen analysiert wurden, können nur dann das
Verhalten der Studierenden beeinflussen, wenn sie als Qualifikationsanforderung
von ihnen auch wahrgenommen werden. Die Studierenden wurden in Frage 27
des Fragebogens gefragt, für wie wichtig sie die folgenden Fähigkeiten/Qualifikationen
bei einer Bewerbung bzw. bei einer Berufstätigkeit in dem von ihnen
angestrebten Berufsfeld halten. Als Antwortvorgaben waren genannt: Fachkenntnisse,
Englischkenntnisse, Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache, kurze Studienzeit,
Berufserfahrung im angestrebten Berufsfeld, Erfahrungen mit beruflicher
Tätigkeit allgemein, soziale Kompetenzen, Auslandserfahrungen, gute
Abschlußnoten. Für jede der genannten Qualifikationen war anzugeben,
für wie wichtig sie 1. bei einer Bewerbung und 2. bei einer Berufstätigkeit
gehalten werden (
vgl.
Abb. 6.14). Diese Unterscheidung zwischen Bewerbungs- und Berufsqualifikation
wurde getroffen, weil anzunehmen ist, daß bestimmte Qualifikationen
bei einer Berufstätigkeit von großer Bedeutung sind, in der
Bewerberauswahl aber nur selten abgefragt werden (bzw. nur schwer erfragt
werden können) und umgekehrt andere Qualifikationen die Chancen für
eine erfolgreiche Bewerbung sehr erhöhen, bei einer Berufstätigkeit
aber nur von sehr geringem Nutzen sind.
In den
Abbildungen 6.15a und
6.15b
werden die Anforderungsprofile für die einzelnen Fächergruppen
in Spinnendiagrammen dargestellt. Wiedergegeben sind die Einschätzungen
der Studierenden, und zwar zum einen für die Bewerbungsrelevanz der
aufgeführten Qualifikationen (Bewerbungsqualifikationen), zum anderen
für ihre Bedeutung bei einer späteren Berufstätigkeit (Berufsqualifikationen).
In diesen Fächergruppenprofilen werden nur die Qualifikationen Fachkenntnisse,
Berufserfahrung, Englischkenntnisse, Auslandserfahrungen und soziale Kompetenz
berücksichtigt. Neben den Merkmalen "kurze Studienzeit"
und "gute Abschlußnote" wurde auch auf die Darstellung
der Merkmale "Erfahrungen mit beruflicher Tätigkeit allgemein"
und "Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache" im Spinnendiagramm
verzichtet. Die jeweiligen Quoten für diese Merkmale lassen sich
Abb.
6.14 entnehmen. Sie liegen für das Merkmal "Kenntnis einer
weiteren Fremdsprache" mit knapp 13% sehr niedrig. Von einer gewissen
Bedeutung sind Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache nach Einschätzung
der Studierenden nur in den Fächern Sozialwissenschaften, Soziologie
und Politik (23%) und in der Betriebswirtschaftslehre (18%). Auch der Anteil
der Studierenden, die allgemeine Erfahrungen mit Erwerbsarbeit für
bewerbungs- bzw. berufsrelevant halten, ist mit 23% nicht sehr hoch. Am
ehesten wird solchen Erfahrungen eine Bedeutung von Studierenden der Sozialwissenschaften,
Sozialpädagogik, Pädagogik und Psychologie sowie der Betriebswirtschaftslehre
beigemessen. Der Bedeutungsgehalt des Merkmals "Erfahrungen mit beruflicher
Tätigkeit allgemein" wird vom Merkmal "Berufserfahrung im
angestrebten Berufsfeld" zumindest zum Teil miterfaßt, gleiches
gilt für die Merkmale "Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache"
und "Englischkenntnisse". Aus Gründen der Übersichtlichkeit
wurden diese Merkmale daher in den Qualifikationsprofilen nicht wiedergegeben.
Beim Vergleich der Anforderungsprofile fällt auf, daß für die verschiedenen Fächergruppen die Bedeutung der ausgewählten Berufs- und Bewerbungsqualifikationen sehr unterschiedlich ist. Selbst Fachkenntnisse werden nicht von den Studierenden aller Fachrichtungen für gleich wichtig gehalten. Von besonderer Bedeutung sind sie aus Sicht der Studierenden der Architektur und der Informatik. Etwa 60% der Studierenden dieser Fächer halten Fachkenntnisse bei einer Bewerbung und in noch stärkerem Maße in einer Berufstätigkeit für sehr wichtig. Die geringste Bedeutung (um die 40%) spielen Fachkenntnisse bei den Studierenden der Sozialwissenschaften.
Betrachtet man die Qualifikation Fachkenntnisse als ein Maß für angeeignetes, abrufbares Faktenwissen, kann dieses Merkmal zur Beleuchtung des Charakters der Wissensaneignung und -vermittlung in unterschiedlichen Fächern herangezogen werden. Hohe Werte wie in Architektur sprechen für einen großen Bedarf an auch kurzfristig mobilisierbarem "Vokabelwissen", niedrige Werte, wie in den Sozialwissenschaften, für ein in diesen Fächern oft proklamiertes "Denken in Zusammenhängen". So betrachtet, könnten die vergleichsweise niedrigen Werte bei den Ingenieurwissenschaften und die noch niedrigeren in der Betriebswirtschaftslehre auch als ein Hinweis auf eine größere Vielfältigkeit und Breite der Qualifikationsanforderungen interpretiert werden. Eine Rolle dürften hier insbesondere kommunikative Kompetenzen spielen. So findet z.B. Minks (1996, S. 90 ff.) im Vergleich der Absolventenjahrgänge 1989 und 1993 einen deutlichen Anstieg des Anteils derjenigen Absolventen, die Befähigungen wie Kommunikationsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, Organisationsfähigkeit als wichtig für ihre jetzige berufliche Tätigkeit erachten.
Die große Berufs- und Bewerbungsrelevanz, die Fachkenntnissen von Studierenden der Informatik und der Architektur zugemessen wird, könnte Einfluß auf ihre Auslandsmobilität haben: Im Zweifelsfall dürfte von ihnen der Erwerb zusätzlicher Fachkenntnisse für wichtiger gehalten werden als der Nachweis von Auslandserfahrungen.
Etwa 60% der befragten Architekten sowie der Sozialpädagogen, Pädagogen und Psychologen halten Berufserfahrungen sowohl bei einer Bewerbung als auch bei einer Berufstätigkeit für sehr wichtig. Die häufig anzutreffende Projektorientierung in diesen Studienfächern könnte dieses Ergebnis erklären: Möglicherweise fördert der auf diese Weise hergestellte frühe Kontakt mit beruflicher Tätigkeit eine realistische Einschätzung des im Studium Erlernbaren. Die Tätigkeitsfelder von Naturwissenschaftlern und Ingenieuren scheinen - jedenfalls aus Sicht der in diesen Fächern Studierenden - auch ohne Berufserfahrungen gut bewältigt werden zu können. Nur etwa ein Viertel der Studierenden halten Berufserfahrungen für sehr wichtig. Aber auch den Studierenden der Betriebswirtschaftslehre ist der Nutzen von Berufserfahrungen nicht so recht eingängig. Zwar ist ihnen bewußt, daß diese Qualifikationen bei einer Bewerbung von Bedeutung sind (40%), deutlich weniger als 30% glauben aber, daß sie im Beruf wichtig sind.
Soziale Kompetenzen werden besonders von Studierenden der Sozialpädagogik, der Pädagogik und der Psychologie für wichtig gehalten. Knapp 80% dieser Studierenden halten soziale Kompetenzen für eine sehr wichtige Berufsqualifikation, die auch bei Bewerbungen von Bedeutung ist (knapp 70%). Diese hohen Quoten können angesichts typischer Arbeitsplätze in diesen Bereichen nicht verwundern. Deutlich niedrigere, aber immer noch hohe Quoten finden sich für die Sozialwissenschaften, die Politologie und die Soziologie. Hier sind es gut die Hälfte der Studierenden, die soziale Kompetenzen für eine sehr wichtige Berufsqualifikation halten. Eine sehr viel geringere Bedeutung haben soziale Kompetenzen in den Augen der technisch orientierten Fächer. Sowohl in den Ingenieurwissenschaften als auch im Fach Architektur messen nur knapp 30% der Befragten sozialen Kompetenzen eine hohe Bedeutung für eine spätere Berufstätigkeit zu. Bei Bewerbungen glauben gar nur etwas mehr als 10%, daß diese Fähigkeiten eine wichtige Rolle spielen. Mit gut 40% der Befragten befinden sich die Informatiker und die Naturwissenschaftler im mittleren Feld des Spektrums bei der Einschätzung sozialer Kompetenzen für eine spätere Berufstätigkeit. Bei einer Bewerbung glauben nicht einmal 20% dieser Befragten, daß soziale Kompetenzen eine wichtige Rolle spielen.
Englischkenntnisse spielen aus Sicht der Studierenden der Naturwissenschaften und der Informatik sowohl bei einer Bewerbung als auch bei einer späteren Berufstätigkeit eine wichtige Rolle. Jeweils knapp 50% dieser Befragtengruppen halten Englischkenntnisse für wichtig. Daß nicht gleichzeitig auch Auslandserfahrungen für sehr wichtig gehalten werden, verweist darauf, daß Englischkenntnisse in diesen Fächern wesentlich dazu dienen, englischsprachige Literatur zur Kenntnis zu nehmen. Deutlich niedriger liegt der Bedarf an Englischkenntnissen nach Einschätzung der Studierenden in den Fächergruppen Ingenieurwissenschaften und Betriebswirtschaftslehre. Daß von den Studierenden der Betriebswirtschaftslehre nicht deutlich mehr Englischkenntnisse für erforderlich halten, verblüfft angesichts des anhaltenden Europäisierungs- und Internationalisierungsprozesses gerade auf wirtschaftlicher Ebene. So gesehen kann die Nennungshäufigkeit bei den Ingenieurwissenschaftlern als erfreulich hoch, bei der Betriebswirtschaftslehre als erstaunlich niedrig angesehen werden. Fast keine Rolle spielen Englischkenntnisse in den Fächern Architektur und Sozialpädagogik, Pädagogik und Psychologie. Nur etwa 15% dieser Studierenden halten Englischkenntnisse für bewerbungs- bzw. berufsrelevant. Aufmerksamkeit verdienen die von den Sozialpädagogen sich deutlich unterscheidenden Ergebnisse für Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen. Beide Fächer werden in der öffentlichen Diskussion inhaltlich meist nicht klar unterschieden und auch in empirischen Ergebnisdarstellungen zusammengefaßt. Etwa 40% der Sozialwissenschaftler und Sozialwissenschaftlerinnen halten jedoch Englischkenntnisse für sehr wichtig. Hintergrund für diese Differenz von immerhin 25 Prozentpunkten sind die völlig unterschiedlichen Berufstätigkeitsfelder, für die einerseits Sozialwissenschaftler, andererseits Sozialpädagogen qualifiziert werden.
Studierende der Architektur halten Auslandserfahrungen für überflüssig - jedenfalls wenn es um die Verbesserung von Bewerbungs- oder Berufschancen geht. Nur knapp 10% von ihnen sind der Meinung, daß Auslandserfahrungen bei einer Berufstätigkeit und einer Bewerbung sehr wichtig sind. Auch in den Augen der Informatiker spielen Auslandserfahrungen nur eine sehr untergeordnete Rolle. Eine etwas höhere Bedeutung wird Auslandserfahrungen von den Studierenden der Naturwissenschaften und der Ingenieurwissenschaften zugemessen. Allerdings finden sich hier insbesondere bei den Ingenieurwissenschaften deutliche Differenzen in den Einschätzungen der Wichtigkeit bei einer Bewerbung und bei einer späteren Berufstätigkeit. Offenbar wird von den Studierenden dieser Fächer die gestiegene Nachfrage nach internationalen Qualifikationen zwar wahr-, aber nicht ernst genommen. Gut 20% halten Auslandserfahrungen bei einer Bewerbung für sehr wichtig, demgegenüber nur knapp 10% für eine Berufstätigkeit. Ein fast identisches Bild mit nur ganz geringfügig höheren Quoten zeichnen die Studierenden der Betriebswirtschaftslehre. Dies gilt sowohl für das Merkmal Auslandserfahrungen als auch für Englischkenntnisse. Auch hier scheinen die Anforderungen an internationale Fähigkeiten zwar erkannt, aber für überzogen gehalten zu werden. Die größte Bedeutung wird internationalen Qualifikationen erstaunlicherweise von den Studierenden der Sozialwissenschaften zugemessen. Etwa 20% der Befragten dieser Studierendengruppe halten Auslandserfahrungen für bewerbungs- und berufsrelevant. Auch die Einschätzungsdifferenzen zwischen Bewerbungs- und Berufsqualifikationen liegen hier deutlich niedriger als in der Betriebswirtschaftslehre. Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß Englischkenntnissen in der Regel eine sehr viel größere Bedeutung zugemessen wird als Auslandserfahrungen.
Der Vergleich der Häufigkeit bestimmter, in Stellenanzeigen veröffentlichter Qualifikationsanforderungen mit der Einschätzung der Studierenden zur Bedeutung dieser Fähigkeiten auf dem Arbeitsmarkt beleuchtet zwei Aspekte:
1. Wird die Bedeutung internationaler Fähigkeiten bei einer Bewerbung bzw. in einer späteren Berufstätigkeit von den Studierenden realistisch wahrgenommen? Kann also davon ausgegangen werden, daß die Anforderungen des Arbeitsmarktes Studierende motivieren, sich solche Fähigkeiten anzueignen?
2. Oder spielen andere Qualifikationen eine deutlich wichtigere Rolle, so daß Studierende geneigt sein könnten, zur Verbesserung ihrer Berufschancen an anderer Stelle zu investieren?
Zur Darstellung der Zusammenhänge wurden für verschiedene
Fächergruppen die Nachfrage nach bestimmten Qualifikationen in Stellenanzeigen
in den Radardiagrammen der
Abb. 6.16a und
6.16b direkt in Beziehung gesetzt zu den Einschätzungen der Studierenden
über die Bedeutung dieser Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt (Berufs-
wie Bewerbungsqualifikationen). Es handelt sich hierbei um nur bedingt
vergleichbare Skalen: Einerseits wird aufgrund der Nennungshäufigkeit
bestimmter Qualifikationen in Stellenanzeigen auf deren Wichtigkeit geschlossen,
andererseits werden Einschätzungen zur Bedeutung dieser Qualifikationen
von Betroffenen erfragt. Daß etwa eine hohe Nachfrage nach Englischkenntnissen
auf dem Arbeitsmarkt eine große Bedeutung dieser Qualifikation signalisiert
und daher von Betroffenen auch entsprechend wahrgenommen werden sollte,
kann nicht bestritten werden. Die Gegenüberstellung kann allerdings
nicht zum Ausdruck bringen, wie genau Angebot und Nachfrage für diese
Qualifikationen zusammenpassen; die Interpretation der Ergebnisse hat daher
mit Vorsicht zu erfolgen.
Vergleicht man zunächst die Qualifikationsprofile
der Fächergruppen als Ganzes, fallen die weißen Flecke im Süden
der Radardiagramme ins Auge (
Abb. 6.16a und
6.16b): Auslandserfahrungen - in diesem Punkt stimmen veröffentlichte
Nachfrage und Einschätzungen der Studierenden weitgehend überein
- haben im Vergleich zu anderen Qualifikationen nur eine geringe Arbeitsmarktrelevanz.
Offensichtlich werden Auslandserfahrungen vom Arbeitsmarkt entweder nur
in seltenen Fällen honoriert oder aber ihre Bedeutung wird in nicht
ausreichendem Maße öffentlich gemacht. Offenkundig wird den
Studierenden auch nicht aus anderer Quelle signalisiert, daß Auslandserfahrungen
arbeitsmarktrelevant sind, sonst ließe sich dies an den Einschätzungen
der Studierenden ablesen. Für die Verbesserung der eigenen Bewerbungschancen
nach Abschluß des Studiums müssen den Studierenden studienbezogene
Auslandsaufenthalte im Vergleich z.B. mit Berufserfahrungen als weniger
wichtig erscheinen.
Über die Gründe für die geringe Wertschätzung bzw. Nachfrage nach Auslandserfahrung kann nur spekuliert werden. Möglicherweise wird von Firmen angesichts des geringen Angebots auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf eine Arbeitskraftsuche im Inland ganz verzichtet und stattdessen vorhandener Bedarf direkt im Ausland gedeckt. Von Bedeutung könnten auch Überlegungen sein, insbesondere für auslandsbezogene Aufgaben - nach entsprechender Schulung - auf Mitarbeiter zurückzugreifen, die sich in der Vergangenheit bewährt haben und bei denen davon ausgegangen werden kann, daß sie sich mit dem Unternehmen identifizieren. Denkbar ist aber auch, daß Entscheidungsträger in der Wirtschaft und im öffentlichen Dienst von den sich real vollziehenden Internationalisierungsprozessen überrollt werden und Auslandserfahrungen eine geringere Bedeutung zumessen als ihnen tatsächlich zukommt.
Die Qualifikationsprofile im einzelnen: Ingenieurwissenschaftler brauchen - folgt man den Angaben in den Stellenanzeigen - vor allem Berufserfahrungen und Englischkenntnisse. Soziale Kompetenzen, hierin stimmen Arbeitsplatzanbieter und Nachfrager überein, sind für die Tätigkeit eines Ingenieurs oder einer Ingenieurin - zumindest derzeit noch - weniger wichtig. Auffällig ist ferner die im Vergleich mit allen anderen Fächergruppen hohe Nachfrage nach internationalen Fähigkeiten (Englischkenntnisse wie auch Auslandserfahrungen). Gleichzeitig wird diesen Qualifikationen von den Studierenden selbst eine ausgesprochen geringe Bedeutung zugemessen, so daß sich für die Ingenieurwissenschaftler und -Wissenschaftlerinnen das größte Mißverhältnis findet zwischen veröffentlichter Nachfrage und deren Wahrnehmung durch die Studierenden. Der kommende Bedarf an international orientierten Ingenieurwissenschaftlern scheint sich so in den Stellenanzeigen schon am Horizont abzuzeichnen, während er noch nicht ausreichend in die Köpfe der Studierenden vorgedrungen ist. Stark unterschätzt wird von den Studierenden der Ingenieurwissenschaften auch die Bedeutung von Berufserfahrungen. Hintergrund hierfür dürfte einerseits ein gewisser Zweckoptimismus seitens der Berufsanfänger sein. Andererseits könnte das derzeit bestehende Überangebot an ingenieurwissenschaftlich qualifizierten Hochschulabsolventen es Arbeitgebern ermöglichen, die Einstellungsvoraussetzungen hier besonders hochzuschrauben.
Bei den Betriebswirtschaftlern fällt die große Ähnlichkeit des Qualifikationsprofils mit dem der Ingenieurwissenschaftler auf. Auch hier spielen internationale Qualifikationen eine vergleichsweise noch als groß zu bezeichnende Rolle; anders als die Studierenden der Ingenieurwissenschaften sind sich die Betriebswirtschaftler über diese Nachfragestruktur auch weitgehend im klaren, halten sie aber im Hinblick auf die avisierten Berufstätigkeiten für übertrieben. Auch bei den Betriebswirtschaftlern wird von den Stellenanbietern Berufserfahrungen eine hohe Bedeutung zugemessen. Die Studierenden der Betriebswirtschaftslehre nehmen dies aber auch nur unzureichend wahr. Im Unterschied zu den Ingenieuren halten die Betriebswirtschaftler jedoch auch soziale Kompetenzen für eine wichtige Voraussetzung erfolgreicher beruflicher Tätigkeit. Studierenden der Betriebswirtschaftslehre wird in Stellenanzeigen das breiteste Qualifikationsprofil abverlangt. Für alle der ausgewählten Befähigungsdimensionen finden sich vergleichsweise hohe Werte.
Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen unterschätzen, genau wie Betriebswirtschaftler und Ingenieure, die Bedeutung von Berufserfahrungen. Interessant an diesem Profil ist, daß der von den Studierenden vermutete Bedarf an Englischkenntnissen und sozialen Kompetenzen höher ist als der in Stellenanzeigen veröffentlichte. Auf dem Arbeitsmarkt für Naturwissenschaftler spielen Qualifikationsstellen im universitären Bereich eine bedeutende Rolle. Möglicherweise sind auf solchen Arbeitsplätzen Englischkenntnisse so selbstverständlich, daß ihre explizite Nennung nicht für erforderlich gehalten wird.
Vor dem Hintergrund dieser Ergebnisse können von Studien- oder Berufsberatungen insbesondere Studierenden der Ingenieurwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre ein Engagement im Bereich des Erwerbs internationaler Qualifikationen empfohlen werden. In allen anderen hier untersuchten Studienfächern ist zu vermuten, daß entsprechende Qualifikationen bei einer späteren Berufstätigkeit einen geringeren Stellenwert haben. Aber selbst für Studierende der Ingenieurwissenschaften und der Betriebswirtschaftslehre gilt, daß abgewogen werden muß zwischen der Herstellung von Berufserfahrungen und der Aneignung internationaler Qualifikationen. Zu einer Qualifizierungsstrategie, die das Sammeln von Berufserfahrungen ausschließt, kann guten Gewissens nicht geraten werden. Die nachdrückliche Empfehlung an Studierende der Ingenieurwissenschaften, Englischkenntnisse zu erwerben oder zu verbessern, ist hingegen angebracht. Die hohe Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt für Ingenieure weist darauf hin, daß Englischkenntnisse hier nicht selbstverständlich sind. Die demgegenüber geringe Bedeutung, die die meisten Studierenden solchen Kenntnissen beimessen, zeigt, daß es hier einen defizitären Bereich gibt. Einen allerdings geringergradigen Nachholbedarf scheinen auch die Studierenden der Betriebswirtschaftslehre hier noch zu haben.
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Empfehlungen Kapitel 6 |
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© 1997,
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Peter Müßig-Trapp (muessig@his.de)