Internationalisierung des Studiums
Hochschul-Informations-System
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Für einen längeren Auslandsaufenthalt und erst recht für
ein Auslandsstudium sind Fremdsprachenkenntnisse von zentraler Bedeutung.
Die Bereitschaft der Studierenden, sich an internationalisierten Studienangeboten
(mit und ohne Auslandsmobilität) zu beteiligen, ist sehr stark von
ihren Fremdsprachenkenntnissen
abhängig (vgl.
Kapitel 8.1.8). In der Empfehlung zur Internationalisierung der Wissenschaftsbeziehungen
hebt der Wissenschaftsrat den "konstitutiv internationalen Charakter
von Wissenschaft" hervor: "Internationalität ist Teil des
Wesens von Wissenschaft. Wissenschaft ist international, weil sich weder
Neugier noch Erkenntnis von historisch gegebenen oder politisch gezogenen
Grenzen auf Dauer einschränken lassen, weil der Dialog der Forscher
mit Wissenschaftlern aus aller Welt - sei es mit Hilfe publizistischer
und neuerdings elektronischer Medien oder in persönlichen Begegnungen
- geführt wird" (Wissenschaftsrat, 1992, S. 2). Fremdsprachenkenntnisse
sind für einen solchen wissenschaftlichen Dialog z.B. zwischen indischen,
chinesischen, portugiesischen und deutschen Forschern und Forscherinnen
eine Mindestvoraussetzung. Auch Wirtschaft und Industrie operieren international
und benötigen Hochschulabsolventen mit guten Fremdsprachenkenntnissen.
In den folgenden drei Kapiteln wird daher untersucht, wie es um die Fremdsprachenkenntnisse
deutscher Studierender bestellt ist.
Kapitel
5.1 gibt einen Überblick für alle deutschen Studierenden
auf der Grundlage der Daten der 14. Sozialerhebung;
Kapitel
5.2 zeigt, wie sich die Fremdsprachenkenntnisse von Studierenden ausgewählter
Studienfächer zwischen 1994 und 1996 verändert haben. Abschließend
wird dargestellt, welche Qualität die Fremdsprachenkenntnisse nach
Einschätzung der Befragten haben
(Kapitel
5.3).
In der 14. Sozialerhebung waren die Studierenden gebeten worden, ihre Kenntnisse der von ihnen erlernten Fremdsprachen in vier Dimensionen zu beurteilen:
Die fünfstufige Bewertungsskala reichte von 1 = sehr gut bis 5
= mangelhaft. Am leichtesten fällt es den Studierenden, Fremdsprachiges
zu lesen oder Gehörtes zu verstehen. Die größten Schwierigkeiten
bereitet das Verstehen von Fachtexten. Zwischen diesen beiden Polen rangiert
das Sprechen und das Schreiben in fremden Sprachen.
Abbildung 5.1 kann entnommen werden, wieviele Studierende ihre Fremdsprachenkenntnisse
entlang dieser Dimensionen für sehr gut, gut usw. halten. 73% aller
Studierenden glauben, Englisch gut oder sehr gut lesen und verstehen zu
können. Nur 44% können gut oder sehr gut Englisch sprechen; 40%
der Studierenden schreiben Englisch so gut wie sie es lesen; nur 37% können
englische Fachzeitschriftenartikel gut oder sehr gut verstehen.
Im wissenschaftlichen Diskurs spielt die von den Studierenden am schlechtesten bewertete Dimension ihrer Fremdsprachenkenntnisse - Verstehen von Fachtexten - eine herausragende Rolle. Im direkten Kontakt mit ausländischen Wissenschaftlern sind Verständnis und Sprechfähigkeiten wichtiger. Beim Studium im Ausland dürften zu Beginn das Verstehen und Sprechen der Landessprache die größte Bedeutung haben. Aber auch auf das Verstehen von Fachtexten und das Niederschreiben z.B. von Referaten wird im Auslandsstudium auf Dauer nicht verzichtet werden können. In den folgenden Darstellungen werden daher die Fremdsprachenkenntnisse als Mittelwert über alle vier Dimensionen dargestellt. Die Mittelwerte wurden durch Teilung der Skala in fünf gleiche Teile zu Gruppen aggregiert.
Erwartungsgemäß ist Englisch die mit Abstand am besten bekannte Fremdsprache. 85% der Studierenden haben hier sehr gute bis befriedigende Kenntnisse, gute oder sehr gute Kenntnisse attestieren sich die Hälfte der Studierenden. In sehr viel geringerem Umfang wird demgegenüber Französisch beherrscht. Nur ein gutes Fünftel aller Studierenden beurteilen ihre Französischkenntnisse mit mindestens befriedigend, über gute oder sehr gute Kenntnisse verfügen lediglich 10%. Eine nennenswerte Verbreitung haben neben Englisch und Französisch nur noch die Sprachen Spanisch und Russisch. Jeweils 5% der Studierenden geben an, hier mindestens befriedigende Kenntnisse zu haben. Über gute Kenntnisse in diesen Sprachen verfügen nur noch knapp 2% aller Studierenden. Für alle anderen Sprachen sind Kenntnisse in noch deutlich geringerem Umfang verbreitet.
Zur Förderung des Fremdsprachenerwerbs wird im Bildungsprogramm SOKRATES der Europäischen Union Mehrsprachigkeit proklamiert: "Eine bessere Kenntnis von immer mehr Gemeinschaftssprachen ist von grundlegender Bedeutung für die Stärkung des Verständnisses und der Zusammenarbeit zwischen den Völkern bei gleichzeitiger Wahrnehmung der kulturellen und sprachlichen Vielfalt ... LINGUA umfaßt alle Amtssprachen der Europäischen Union (Dänisch, Deutsch, Englisch, Finnisch, Französisch, Griechisch, Italienisch, Niederländisch, Portugiesisch, Schwedisch und Spanisch), Irisch und Luxemburgisch innerhalb sowie Isländisch, Norwegisch außerhalb der Union. Besondere Priorität wird den am wenigsten verbreiteten und am seltensten unterrichteten Sprachen eingeräumt" (Europäische Kommission, 1995a, S. 27). Die Priorität seltener Fremdsprachen wird nicht nur proklamiert; sie findet sich auch im Programmteil Hochschulbildung (ERASMUS) als Auswahlkriterium für die finanzielle Förderung von Bildungsmaßnahmen: "Vorrangig berücksichtigt werden Initiativen, die auf die am wenigsten verbreiteten und unterrichteten Sprachen der Europäischen Union ausgerichtet sind." (Europäische Kommission, 1995b, S. 32). Auch vor diesem Hintergrund gebührt der Mehrsprachigkeit der deutschen Studierenden besondere Aufmerksamkeit. Bei der Schaffung eines offenen europäischen Raums - so die EU - sind polyglotte Europabürger ein Schlüsselfaktor.
Der Prozentsatz der mehrsprachigen Studierenden ist ernüchternd
niedrig. Für 42% der Studierenden ist die erste Fremdsprache auch
die einzige, in der sie über mindestens ausreichende Kenntnisse verfügen;
eine gleichgroße Gruppe verfügt über ausreichende Kenntnisse
in zwei Fremdsprachen. Mindestens ausreichende Kenntnisse in drei und mehr
Sprachen attestieren sich lediglich 14% der Studierenden
Abb. 5.2. Was Studierende meinen, wenn sie davon sprechen, ausreichende
Kenntnisse in einer Fremdsprache zu haben, wird im
Kapitel 5.3 untersucht. Mit nur ausreichenden Kenntnissen lassen sich
sicherlich keine Verhandlungen führen, Redebeiträge auf Konferenzen
halten oder fremdsprachige Literatur zur Kenntnis nehmen. Solche Fähigkeiten
können erst bei guten oder sehr guten Kenntnissen erwartet werden.
Knapp die Hälfte (43%) der Studierenden können in keiner Fremdsprache
gute oder sehr gute Kenntnisse vorweisen. Weitere 46% verfügen über
gute und sehr gute Kenntnisse in lediglich einer Fremdsprache. Nur etwa
ein Zehntel aller Studierenden glaubt von sich, gute oder sehr gute Kenntnisse
in zwei und mehr Sprachen zu haben. Von dem Ideal eines polyglotten Europabürgers,
so kann resümiert werden, sind die deutschen Studierenden noch sehr
weit entfernt.
Sowohl in der Wirtschaft (vgl.
Kap. 6) als auch im Forschungs- und Wissenschaftsbetrieb spielt die
Sprache Englisch eine herausragende Rolle. Der vom Institut for Scientific
Information (ISI) in Philadelphia ermittelte sogenannte Impact-Factor mißt,
wie oft wissenschaftliche Aufsätze im Durchschnitt zitiert werden
- sozusagen die Resonanz, mit der ein Forschungsergebnis weltweit rechnen
kann. Englischsprachige Aufsätze werden durchschnittlich 3,7 mal zitiert,
russische 0,9 mal, deutsche 0,6 mal, französische und japanische 0,5
mal. Auf Englisch publizierte Studien finden ein sechsmal so hohes Echo
wie deutsche (vgl. hierzu: Zimmer, D. E., 1996). Dies kann der Hintergrund
sein für die vergleichsweise große Anzahl Studierender der Naturwissenschaften,
die über gute oder sehr gute Englischkenntnisse verfügen (knapp
60%,
vgl. Abb. 5.3) Gerade in den Fächern
Physik, Biologie, Chemie, Mathematik und Informatik ist erfolgreiches wissenschaftliches
Arbeiten ohne Englischkenntnisse kaum noch denkbar.
Erwartungsgemäß
ist auch der Anteil der Studierenden mit mindestens guten Englischkenntnissen
bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern mit 61% hoch. Anlaß zur
Aufmerksamkeit gibt allerdings die vergleichsweise geringe Verbreitung
guter Englischkenntnisse in den technischen Fächern (Elektrotechnik,
Maschinenbau). Nur gut 40% der Studierenden verfügen hier über
gute oder sehr gute Kenntnisse. Dies ist angesichts der hohen Nachfrage
nach guten und sehr guten Englischkenntnissen auf dem Arbeitsmarkt gerade
in diesem Bereich (vgl.
Kap. 6) eine viel zu niedrige Quote.
Ermittelt wurden auch Fremdsprachenkenntnisquoten
für die beste weitere Fremdsprache nach Englisch (
Abb. 5.4). Die breitesten Fremdsprachenkenntnisse finden sich naturgemäß
bei den Sprach- und Kulturwissenschaftlern. Ein knappes Drittel dieser
Studierenden verfügt über gute bis sehr gute Kenntnisse in der
von ihnen nach Englisch am besten beherrschten weiteren Fremdsprache. Einen
hohen Anteil polyglotter Studierender weisen auch die Kunstwissenschaften
auf: hier sind es ein knappes Viertel aller Studierender, die sehr gute
oder gute Kenntnisse in einer nichtenglischen Fremdsprache haben. Nicht
viel weniger sind dies mit 23% bei den Studierenden der Rechtswissenschaften.
Daß die Quoten für die naturwissenschaftlichen Fächer vergleichsweise
niedrig liegen (zwischen 12 und 14%), zeigt, daß wir es hier nicht
mit besonders sprachbegabten bzw. -interessierten Studierenden zu tun haben.
Es zeigt sich auch, daß in diesen Fächern nicht Fremdsprachenkenntnisse
im allgemeinen von besonderer Bedeutung sind, sondern daß es Kenntnisse
in Englisch sind, die diese Studierenden benötigen und sich daher
verschaffen. Die mit Abstand niedrigste Quote findet sich wiederum in den
technischen Fächern. Nur knapp 7% der Studierenden der Elektrotechnik
und des Maschinenbaus geben an, mindestens gute Kenntnisse in einer weiteren
Fremdsprache zu haben.
Die bisherigen Ausführungen hatten Gültigkeit für alle
deutschen Studierenden; sie wurden auf Grundlage der 14. Sozialerhebung
gemacht. In der Befragung "Internationalisierung des Studiums"
hingegen wurden nur Studierende ausgewählter Studienfächer im
Erststudium ab dem 6. Hochschulsemester an Fachhochschulen bzw. im 8. Hochschulsemester
an Universitäten befragt. Die nachfolgenden Auswertungen in den
Kapiteln
5.2 und
5.3
beziehen sich auf diese Grundgesamtheit und sind daher nicht repräsentativ
für alle deutschen Studierenden.
Abb. 5.5 läßt sich entnehmen, daß sich die Englischkenntnisse
in allen untersuchten Studienfächern im Laufe von nur zwei Jahren
(Frühjahr 1994 bis Frühjahr 1996) zum Teil deutlich verbessert
haben. Besonders erwähnenswert ist die Entwicklung bei den Ingenieurwissenschaften:
Verfügten noch 1994 nur 42% der Studierenden der Elektrotechnik und
des Maschinenbaus über gute und sehr gute Englischkenntnisse, sind
es 1996 bereits 54%. Es scheint, daß die Anforderungen des Arbeitsmarktes
von dieser Studierendengruppe erkannt worden sind. Von einer Anpassung
an die Nachfrage des Arbeitsmarkts
(vgl.
Kap. 6) kann jedoch noch nicht gesprochen werden. Gleiches gilt für
die Studierenden der Betriebswirtschaftslehre (1994 = 54%, 1996 = 67%).
Sie rücken auf der Verbreitungsskala guter Englischkenntnisse von
Platz 4 auf Platz 3 vor. Über die mit Abstand besten Englischkenntnisse
verfügen die Studierenden der Informatik. Drei Viertel der Befragten
dieser Gruppe attestieren sich gute oder sehr gute Englischkenntnisse.
Auch die Kenntnisse der besten weiteren Fremdsprache nach Englisch haben
sich in den vergangenen zwei Jahren verbessert (
vgl.
Abb. 5.6). Für die Ingenieurwissenschaften findet sich eine Steigerung
um 3 Prozentpunkte auf allerdings immer noch sehr niedrige 10% Studierender,
die über gute oder sehr gute Kenntnisse in einer zweiten Fremdsprache
verfügen. Von 17 auf 20% angewachsen ist dieser Anteil bei den Studierenden
der Betriebswirtschaftslehre. Ähnliche Ergebnisse finden sich für
die Studierenden der anderen Fächergruppen. Lediglich in den Fächern
Sozialwissenschaften, Soziologie und Politik ist ein Rückgang guter
Kenntnisse der besten weiteren Fremdsprache von 25 auf 20% zu verzeichnen.
Diese werden jedoch ausgeglichen durch einen überproportionalen Anstieg
von Studierenden mit befriedigenden Kenntnissen (von 19 auf 31%). Vor dem
Hintergrund dieser Zahlen kann von einer leichten Verbesserung der Sprachkompetenz
auch in anderen Sprachen als in Englisch ausgegangen werden.
Die Studierenden waren gebeten worden, ihre Sprachkenntnisse auf einer in der Schule üblichen Skala von sehr gut bis mangelhaft selbst zu benoten. Dies ist kein objektives Testverfahren, das zu gleichen Noten bei gleichen Kenntnissen führt. Welche Maßstäbe haben die Befragten ihrer Selbsteinschätzung zugrunde gelegt? Ein entscheidender Bezugspunkt dürften die vermuteten Fremdsprachenkenntnisse des sozialen Umfelds darstellen. Das Urteil "sehr gut" einer Sozialpädagogik-Studentin beispielsweise verweist auf sehr gute Kenntnisse im Vergleich mit anderen Sozialpädagogik-Studentinnen und -Studenten. Eine wichtige Rolle dürften auch konkrete Erfahrungen mit Fremdsprachengebrauch spielen. So ist anzunehmen, daß Studierende, die einen studienbezogenen Auslandsaufenthalt durchgeführt haben, vor dem Hintergrund möglicherweise leidvoller Erfahrungen in diesem Bereich ihre Fremdsprachenkompetenzen kritischer beurteilen als ihre auslandsunerfahrenen Kommilitoninnen und Kommilitonen. Wer häufiger den Versuch unternommen hat, fremdsprachige Fachartikel zur Kenntnis zu nehmen, mag ebenfalls eher Illusionen bezüglich seiner Fremdsprachenkenntnisse beraubt worden sein als ein Studierender, der sich das letzte Mal mit Fremdsprachen in der Schule beschäftigt hat. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen wurden in den Fragebogen zur Internationalisierung zwei Fragen aufgenommen, die einerseits Aufschluß geben über die Anwendung vorhandener Fremdsprachenkenntnisse und andererseits einen objektiveren Maßstab zur Verfügung stellen sollten zur Beurteilung der Qualität der Fremdsprachenkenntnisse.
Die Studierenden waren gefragt worden, wieviel fremdsprachige Fachliteratur sie in den letzten beiden Semestern ungefähr gelesen haben (Frage 47). Gefragt wurde sowohl nach Fachzeitschriftenartikeln als auch nach ganzen Fachbüchern jeweils in englischer, französischer und in einer weiteren Sprache.
Den größten Gebrauch von ihren Englischkenntnissen machen
die Studierenden der Naturwissenschaften und der Informatik (
vgl. Abb. 5.7): Mehr als 20 Zeitschriftenartikel
werden von ihnen im Laufe eines Studienjahres gelesen. Etwa die Hälfte
der Studierenden dieser Fächer lesen im Jahr mehr als 10 Zeitschriftenartikel
in englischer Sprache, nur 7% haben im vergangenen Jahr keine englischen
Zeitschriftenartikel zur Kenntnis genommen. Insbesondere die Studierenden
der Informatik sind auch auf das Studium ganzer Fachbücher in englischer
Sprache angewiesen. Gut 20% dieser Studierendengruppe haben im Verlauf
des letzten Jahres mehr als 5 englischsprachige Fachbücher gelesen.
Dieser Befund bestätigt den schon zuvor genannten hohen Bedarf an
Englischkompetenzen in den Naturwissenschaften und in der Informatik bereits
während des Studiums. Für die Fächer Ingenieurwissenschaften
und Betriebswirtschaftslehre - in diesem Bereich werden auf dem Arbeitsmarkt
in großem Umfang Englischkenntnisse nachgefragt - findet sich demgegenüber
ein eindeutig geringerer Fremdsprachengebrauch. Bei den Ingenieuren sind
es knapp 20%, bei den Betriebswirten 15%, die im vergangenen Jahr keinen
einzigen englischsprachigen Zeitschriftenartikel gelesen haben. Nur etwa
ein Drittel hat mehr als 10 Fachartikel zur Kenntnis genommen. Nur etwa
5% dieser Studierenden haben im Laufe des letzten Jahres mehr als 5 Fachbücher
in englischer Sprache zur Kenntnis genommen. Offenkundig ist in diesen
Fächern die Notwendigkeit, auf englischsprachige Literatur zurückzugreifen,
sehr viel geringer als bei den Naturwissenschaften und der Informatik.
Es ist zu befürchten, daß die Studierenden den Preis hierfür
nach Abschluß ihres Studiums bei der Stellensuche zahlen müssen.
Gemessen an der Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt finden die Englischkenntnisse
der Studierenden der Sozialwissenschaften, der Soziologie und der Politikwissenschaften
vergleichsweise häufig Verwendung. 44% von ihnen haben im vergangenen
Jahr mehr als 10 Zeitschriftenartikel in englischer Sprache gelesen; 17%
mehr als 5 englischsprachige Bücher. In den Fächern Psychologie,
Pädagogik und Sozialpädagogik sowie in der Architektur haben
etwa ein Drittel der Studierenden im vergangenen Jahr nicht einen englischsprachigen
Zeitschriftenartikel gelesen. Die Durchschnittsarchitektin liest 7, der
Durchschnittssozialpädagoge oder Psychologe liest 8 Fachzeitschriftenartikel
im Jahr.
Abbildung
5.8 läßt sich entnehmen, in welchem Umfang Fachartikel und
Fachbücher in einer anderen Sprache als Englisch gelesen werden. Fremdsprachige
nichtenglische Fachbücher werden nur von einer verschwindend kleinen
Minderheit der Studierenden gelesen. In den naturwissenschaftlich-technischen
Fächern sind dies deutlich weniger als 5% der Studierenden, aber auch
in den anderen Fächern liegt die Quote nicht wesentlich darüber.
Auch der Anteil der Studierenden, die Fachzeitschriftenartikel z.B. in
französischer oder spanischer Sprache zur Kenntnis nehmen, ist sehr
gering. Etwa 80% der Studierenden haben im vergangenen Jahr nicht einen
einzigen nichtenglischsprachigen Zeitschriftenartikel gelesen. Einzige
Ausnahme: Die Studierenden der Sozialwissenschaften, der Soziologie und
der Politik; von ihnen geben immerhin 40% an, zumindest gelegentlich auch
Fachartikel in einer anderen Fremdsprache als Englisch zu lesen.
Was meint z.B. ein Informatikstudent, wenn er sagt, daß er gute
Kenntnisse in Englisch hat? Was meint demgegenüber z.B. eine Sozialpädagogikstudentin
mit der gleichen Aussage? Hinweise darauf liefern die Antworten der Studierenden
auf Frage 48 des Fragebogens: "Stellen sie sich vor, sie müßten
sich einen fremdsprachigen Artikel einer Fachzeitschrift erarbeiten: wieviel
länger bräuchten sie (im Vergleich zu einem entsprechenden deutschsprachigen
Artikel)?" Als Antwortmöglichkeit war vorgegeben: genauso lange,
doppelt so lange, dreimal so lange, viermal so lange, mehr als viermal
so lange, könnte ich gar nicht. Das Blasendiagramm in
Abb. 5.9 gibt einen Überblick über die Prozentverteilung,
mit denen sich die Studierenden sehr gute, gute, befriedigende und ausreichende
Englischkenntnisse attestieren sowie darüber, was sehr gute, gute
etc. Kenntnisse in den jeweiligen Fächergruppen bedeuten. Die Blasengröße
gibt Aufschluß über den Prozentanteil der Studierenden eines
Qualifikationsniveaus, ihre Höhe über die Lesegeschwindigkeit.
45% der Informatikstudenten bewerten ihre Englischkenntnisse mit gut; dies
bedeutet, daß sie im Durchschnitt für einen englischsprachigen
Zeitschriftenartikel 1,9 mal länger brauchen als für die Lektüre
eines deutschsprachigen. Bei den Studierenden der Psychologie, der Pädagogik
und der Sozialpädagogik glauben 33%, über gute Kenntnisse im
Englischen zu verfügen. Die Lektüre eines englischsprachigen
Artikels kostet sie 2,3 mal so viel Zeit wie der gleiche Artikel in deutscher
Sprache. Die Ergebnisse zeigen, "gut" ist nicht gleich "gut"
und "befriedigend" nicht gleich "befriedigend". Je
nach Studienfach bedeuten gleiche Selbsteinschätzungen unterschiedliche
Fremdsprachenkompetenzen.
Daß hinter den Differenzen in den Lesegeschwindigkeiten auch Unterschiede im Schwierigkeitsgrad z.B. zwischen sozialwissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Fachtexten stehen, kann nicht ausgeschlossen werden. Wurde sich aber das erforderliche Fachvokabular erst einmal angeeignet - und hier scheinen die Naturwissenschafler weiter zu sein als die Sozialwissenschaftler - dürften sich Fachtexte dieser beiden Fachdisziplinen im Leseaufwand nicht sehr stark voneinander unterscheiden.
Die Ergebnisse zeigen auch, daß selbst die Studierenden, die sich gute Englischkenntnisse attestieren, bei der Lektüre englischsprachiger Fachartikel einen hohen zeitlichen Aufwand einkalkulieren müssen. Im Durchschnitt brauchen Studierende mit guten Englischkenntnissen mehr als doppelt so lange für die Lektüre, liegt ihnen ein Fachzeitschriftenartikel statt in deutscher in englischer Sprache vor. Für Studierende mit befriedigenden Englischkenntnissen liegt dieser Wert zwischen 2,5 mal und deutlich länger als 3 mal so lange. Wer "nur" über befriedigende Englischkenntnisse verfügt, muß für das Lesen eines englischsprachigen Schriftstückes, dessen Inhalt er normalerweise in etwa 3 Stunden zur Kenntnis nehmen würde, einen ganzen Arbeitstag einplanen. Bevor er diese Mühe auf sich nimmt, verschwindet dieser Artikel möglicherweise noch dreimal ganz unten im Stapel des Unerledigten. Zusammenfassend kann gefolgert werden: Erst gute und sehr gute Kenntnisse erlauben die Nutzung der englischen Sprache mit einem arbeitsökonomisch vertretbaren Aufwand. Nur befriedigende Kenntnisse reichen hierfür nicht aus. In bezug auf Englischkenntnisse ergibt sich somit für die deutschen Studierenden noch ein erheblicher Schulungsbedarf.
Während im Studium Fremdsprachenkenntnisse überwiegend zum
Lesen fremdsprachiger Fachliteratur gebraucht werden dürften, ändert
sich das häufig mit dem Eintritt in die Berufstätigkeit. Wer
in der Forschung tätig ist, wird auf Konferenzen Referate halten,
sich im Gespräch mit Wissenschaftlern anderer Länder austauschen
und möglicherweise in Englisch veröffentlichen müssen. In
Wirtschaft und Industrie ist "verhandlungssicheres Englisch"
(Stellenanzeigen) gefragt. In Besprechungen, bei Telefonaten, beim Abschluß
von Verträgen ist es erforderlich, sich sicher in einer Fremdsprache
ausdrücken zu können. In der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt/M.
z.B. ist die Verkehrssprache ganzer Abteilungen englisch, nicht deutsch.
Die Radardiagramme
Abb.
5.10a und
Abb.
5.10b zeigen die Profile der Englischkenntnisse
im Vergleich der Studienfächer. Dargestellt werden die Anteile Studierender,
die sehr gut englisch lesen/verstehen, sprechen, schreiben können
und sehr gut englische Fachtexte verstehen. Es zeigt sich, daß die
Kenntnisse der von uns gefragten Studierenden im wesentlichen daraus bestehen,
englische Fachtexte zu lesen und zu verstehen. Von den Studierenden der
Naturwissenschaften und der Informatik können etwa 30% sehr gut englisch
lesen und gelesene Fachtexte auch verstehen, nur etwa 10% dieser Studierenden
können auch sehr gut englisch sprechen. Hier sind ihnen die Studierenden
der Betriebswirtschaftslehre deutlich überlegen (16% können sehr
gut englisch sprechen). Auch Schreibfähigkeiten sind nur sehr schwach
ausgeprägt; die höchsten Quoten finden sich hier bei den Informatikern
und den Betriebswirtschaftlern (12 bzw. 10% Studierende mit sehr guten
Schreibfähigkeiten).
Bei der Schulung von Fremdsprachen wird man daher besonderen Wert auf ein Training und die Ausbildung von Sprechfertigkeiten legen müssen. Dies gilt auch für die Studierenden der Informatik und der Naturwissenschaften: Hier empfiehlt sich ein besonderes Angebot für Studierende mit fortgeschrittenen Englischkenntnissen, aber unterentwickelter Sprechfähigkeit.
1. Ein großer Teil der Studierenden kommt mit unzureichenden Fremdsprachenfähigkeiten aus der Schule an die Hochschule. Es besteht daher wohl die Notwendigkeit, an den Hochschulen Angebote zu schaffen, in denen das bezüglich Fremdsprachen Versäumte nachgeholt werden kann.
2. Auch Studierende mit geringen fremdsprachlichen Neigungen verbessern ihre Fähigkeiten deutlich, wenn sich im Studium die Notwendigkeit hierzu stellt. Oder andersherum formuliert: werden Fremdsprachenkenntnisse für ein erfolgreiches Studium notwendig gemacht, wird sich dies stark motivationsfördernd auf die Studierenden auswirken.
3. Dem Fremdsprachenunterricht in der Schule gelingt es nicht in ausreichendem Maße, Interesse und Freude an anderen Sprachen zu wecken. Auch reichen die vermittelten Kenntnisse bei weitem nicht aus, um fremdsprachige Fachliteratur in angemessenem Tempo zu lesen oder sich sicher auf Konferenzen oder in Verhandlungen in einer Fremdsprache ausdrücken zu können. Hier besteht also ein Handlungsbedarf einerseits hinsichtlich einer Evaluation des Sprachunterrichts in den Schulen selbst als auch bei der gezielten Fachausbildung von Fremdsprachenlehrern in der Hochschule.
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Empfehlungen Kapitel 5 |
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© 1997,
Hochschul-Informations-System GmbH Hannover
Peter Müßig-Trapp (muessig@his.de)