Internationalisierung des Studiums
Hochschul-Informations-System
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Die folgenden beiden Abschnitte geben einerseits einen Überblick
über die zeitliche Entwicklung studentischer Auslandsmobilität
und diskutieren andererseits die Auslandsmobilität deutscher Studierender
im Kontext eines europäischen und internationalen Vergleichs. Für
beide Betrachtungsebenen finden sich Ergebnisse, die zeigen, daß
sich die Studierenden in Bewegung befinden in Richtung einer Internationalisierung
ihres Horizontes, daß deutlich mehr Studierende als in der Vergangenheit
das Studium als Chance nutzen, "internationale Qualifikationen und
Fähigkeiten" auszubilden bzw. fortzuentwickeln. An dieser Entwicklung
hat ohne Zweifel auch die deutsche und insbesondere die europäische
Bildungspolitik ihren nicht unerheblichen Anteil. Die positive Entwicklung
darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß derzeit in
rasantem Tempo gerade im Bereich Europäisierung und Internationalisierung
gesellschaftliche Umwälzungsprozesse vonstatten gehen, die sich schon
jetzt in vielen Lebensbereichen bemerkbar machen. Für eine Exportnation
wie die Bundesrepublik Deutschland sind vor allem die Veränderungen
im Wirtschaftsprozeß von herausragender Bedeutung. Wie
in Kapitel
6 gezeigt werden kann, verfügen viele Studierende z.B. der Ingenieurwissenschaften
oder der Betriebswirtschaftslehre nicht über die internationalen Fähigkeiten
und Qualifikationen, die auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt werden. Es besteht
so die Gefahr, daß die sich bereits auf dem Arbeitsmarkt abzeichnende
tatsächliche Entwicklung den Studierenden davonläuft.
Internationalisierung ist kein neues Thema. So leisteten sich vor 85
Jahren, im Wintersemester 1911/12, 4,8% aller Studierenden den Luxus, eine
ausländische Hochschule zu besuchen. 40 Jahre später (6 Jahre
nach dem 2. Weltkrieg) wurde die erste Erhebung zur sozialen Lage der Studentenschaft
durchgeführt. Von den damals knapp 110.000 deutschen Studierenden
gingen 1951 3,8% ins Ausland. Zwei Jahre später hat sich dieser Anteil
mehr als verdoppelt. Fast 8% aller in der 2. Sozialerhebung 1953 befragten
Studierenden geben an, im Ausland studiert zu haben. Wie
sich
Abb.
4.1 entnehmen läßt, kann diese hohe Quote in der gesamten
deutschen Nachkriegsgeschichte nicht wieder erreicht werden. Weitere drei
Jahre später, 1956, bricht die Quote ein. Nur noch 4,5% der Studierenden,
weniger als in Preußen 1911, führen ein Auslandsstudium durch.
Dieser drastische Rückgang erklärt sich aus der Abnahme langfristiger
Stipendien für studentische Auslandsaufenthalte. Anfang der 50er Jahre
hatte sich insbesondere die amerikanische Hohe Kommission hervorgetan und
einer großen Zahl von Studierenden durch die Vergabe von Stipendien
einen längerfristigen Auslandsaufenthalt in den USA ermöglicht.
Man kann die 1956er Quote auch als eine Quote derjenigen lesen, die es
sich leisten können. In den Folgejahren bis in die Mitte der 60er
Jahre steigt die Quote - wahrscheinlich infolge der sich stabilisierenden
wirtschaftlichen Bedingungen - leicht an und erreicht 1963 ihren zweiten
vorläufigen Höhepunkt mit 5,7%.
In den folgenden zehn Jahren ereignet sich ein weiterer deutlicher Rückgang des Anteils der Studierenden, die ein Studium im Ausland durchgeführt haben. In der letzten Hälfte der 70er Jahre nehmen nur noch knapp 3% aller Studierenden ein Studium im Ausland auf. Am 16./17. Oktober 1978 befaßt sich aus diesem Grund der Förderungsausschuß des Deutschen Studentenwerks mit dieser Problematik. Als Gründe für die auf einen Tiefpunkt gefallene Auslandsstudienquote nennt er:
"daß die Studenten befürchten,
Ein weiterer wichtiger Grund ist, daß sich die Zahl der Studierenden von einer knappen halben Million 1970 innerhalb von zehn Jahren auf eine knappe Million 1980 mehr als verdoppelt hat. An den Hochschulen studierten nicht mehr nur die Eliten, auch Studierende mittlerer oder niedriger sozialer Herkunftsgruppen haben den Weg in die Hochschulen finden können. Die Eltern dieser Studierendengruppen verfügten weder über die ökonomischen Ressourcen, noch waren sie in der Lage, in der Vergangenheit ein entsprechendes internationales Selbstverständnis zu entwickeln, das es ihnen ermöglicht hätte, ihren Kindern ein Auslandsstudium zu ermöglichen oder anzuraten.
Im Dezember 1978 befaßte sich der Deutsche Bundestag mit der europäischen Hochschulpolitik und dabei insbesondere mit der Bereitschaft der deutschen Studierenden, ins Ausland zu gehen. Ein Ergebnis der Beratung war die 6. Novelle zum Bundesausbildungsförderungsgesetz, die wesentliche Erleichterungen für ein Auslandsstudium brachte. 1978 und 1979 wurden weitere Anstrengungen seitens der Politik unternommen. 1979 beschließt der Deutsche Bundestag ein "Programm zur Förderung des Auslandsaufenthaltes von Schülern, jungen Arbeitnehmern, Studenten und Wissenschaftlern". Die Kultusminister der Länder beschlossen Vorschläge für stärkere Anreize für einen Studienaufenthalt im Ausland. Die politische Offensive bleibt nicht ohne Wirkung. Mitte der 80er Jahre steigt die Quote wieder leicht an und stabilisiert sich bei knapp 3,5% auf allerdings recht niedrigem Niveau.
Ende der 80er Jahre - parallel zur forcierten Entwicklung des europäischen Integrationsprozesses - steigt die Quote wieder und erreicht 1989 4%. Vorausgegangen waren die in den Jahren 1987 bis 1990 beschlossenen und umgesetzten Gemeinschaftsprogramme der EU in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung (ERASMUS, COMETT und TEMPUS). In dieser Zeit entstand bei allen Beteiligten eine Aufbruchstimmung. Im Hinblick auf die Gemeinschaftspolitik im Bildungswesen und auf den Binnenmarkt wurden folgende Ziele formuliert:
(Europäische Kommission, Allgemeine und berufliche Bildung Jugend, 1994, S. 10).
Daß die Auslandsstudienquote 1991 nicht über 4% ansteigt, hängt mit der deutschen Vereinigung 1989 zusammen. Ein Haupttypus des Auslandsstudiums der DDR, das Teilstudium in osteuropäischen Ländern, ist mit der Vereinigung nicht weitergeführt, sondern umgehend eingestellt worden. In den Folgejahren war die Beteiligung ostdeutscher Studierender an DAAD- und EU-Programmen zunächst gering; ein Einbruch in der Auslandsmobilität der Studierenden in den neuen Ländern die Folge. Für 1994, zum Zeitpunkt der letzten Sozialerhebung, findet sich erneut ein deutlicher Anstieg der Quote. 5,4% aller Studierenden geben an, ein Studium im Ausland durchgeführt zu haben. Es ist damit zu rechnen (vgl. hierzu unten), daß die Quote zum jetzigen Zeitpunkt (Jahreswende 1996/97) noch deutlich höher liegt und gut 6% erreicht. Die Querschnittsquote Auslandsstudium liegt damit zum ersten Mal seit fast dreißig Jahren wieder deutlich über der Fünf-Prozent-Marke. Zu berücksichtigen ist darüberhinaus, daß hinter den Steigerungen der Quote eine sich vervielfachende Anzahl Studierender steht: Die Zahl Studierender hat sich seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland mehr als verzwanzigfacht und mit ihr auch die Zahl derjenigen, denen ein Auslandsstudium möglich ist.
Die vorgenannte Kennzahl, die zur Darstellung der studentischen Auslandsmobilität
über einen langen Zeitraum verwendet wurde, ist die einzige, für
die seit Bestehen der Bundesrepublik Deutschland Daten zur Verfügung
stehen. Indes handelt es sich bei dieser Kennziffer um eine Querschnittszahl.
Sie bildet den Anteil der Studierenden an deutschen Hochschulen mit Studienerfahrungen
im Ausland ab und berücksichtigt nicht die Wahrscheinlichkeit einer
späteren Aufnahme eines Auslandsstudiums bei Studienanfängern
(Ein Auslandsstudium wird in aller Regel erst nach der Zwischenprüfung
durchgeführt, vgl.
Kapitel 7.3.3 ). Im folgenden werden daher bei der Darstellung studentischer
Auslandsmobilität nur Studierende ab dem 8. Hochschulsemester an Universitäten
bzw. ab dem 6. Semester an Fachhochschulen berücksichtigt. Die auf
dieser Grundlage gebildete Auslandsstudienquote eignet sich am besten zur
Prüfung der bildungspolitischen Zielzahl, wonach ein bestimmter Anteil
aller Studierenden im Laufe des Studiums ein vorübergehendes Studium
im Ausland aufgenommen haben soll. In der bildungspolitischen Diskussion
werden häufig weitere Kennziffern verwendet, die hier kurz dargestellt
werden sollen:
Abwesenheitsquote Für internationale Vergleiche wird regelmäßig auf die UNESCO-Statistik zurückgegriffen. Sie zählt die deutschen Studierenden in einem Zielland zu einem bestimmten Zeitpunkt, d.h. diejenigen deutschen Studierenden, die an der Heimathochschule wegen eines Auslandsstudiums beurlaubt oder exmatrikuliert sind. Das Verhältnis dieser Zahl zu allen Studierenden an deutschen Hochschulen stellt die Abwesenheitsquote zu einem Stichjahr dar. Sie gibt wieder, wieviel Prozent der Studierenden sich zu einem Zeitpunkt im Ausland immatrikuliert haben und liegt daher noch deutlich unter der Querschnittsquote. Diese Kennziffer sollte nur zu internationalen Vergleichen herangezogen werden (hier muß sie verwendet werden, weil die UNESCO-Statistik die einzige verfügbare Datenquelle für internationale Vergleiche darstellt).
Absolventenquote Der Vollständigkeit halber sei noch die in diesem Bericht nicht weiter verwendete Absolventenquote genannt. Sie wird auf der Grundlage der amtlichen Prüfungsstatistik gebildet und gibt an die Zahl der Absolventen mit Studienzeiten im Ausland im Verhältnis zu allen Absolventen. In der amtlichen Prüfungsstatistik wird das Merkmal Studienzeiten im Ausland erfahrungsgemäß systematisch untererfaßt (etwa in der Größenordnung von einem halben Prozentpunkt, vgl. Schnitzer/Isserstedt, 1990, S. 8).
Quote studienbezogener Auslandsaufenthalte Eine weitere Kennziffer stellt die Quote studienbezogener Auslandsaufenthalte dar. Genau wie die Auslandsstudienquote werden bei ihrer Berechnung alle Studierenden ab dem 8. bzw. ab dem 6. Hochschulsemester als Grundgesamtheit verwendet. Neben den im Ausland immatrikulierten bzw. immatrikuliert gewesenen Studierenden werden von dieser Kennziffer jedoch auch Studierende erfaßt, die - studienbezogen - ein Praktikum, einen Sprachkurs oder einen sonstigen studienbezogenen Auslandsaufenthalt durchgeführt haben. Die Quote studienbezogener Auslandsaufenthalte ist regelmäßig gut doppelt so hoch wie die Auslandsstudienquote.
Wenn in der bildungspolitischen Diskussion daher mit Zahlen zur studentischen Auslandsmobilität operiert wird, ist stets zunächst zu fragen, welche der genannten Quoten verwendet und auf welche Grundgesamtheit sie bezogen wird.
Die Auslandsstudienquote für alle deutschen Studierenden läßt
sich
Abb.
4.2 entnehmen. Knapp 9% der Studierenden (ab dem 8. Hochschulsemester
an Universitäten, ab dem 6. Hochschulsemester an Fachhochschulen)
waren 1994 im Laufe ihres Studiums an einer ausländischen Hochschule
immatrikuliert. 1991, drei Jahre zuvor, lag dieser Anteil bei nur knapp
7%. Betrachtet man die Auslandsstudienquote nur für Universitätsstudierende,
findet sich gar noch eine etwas höhere Quote. Das in der Europäischen
Gemeinschaft für 1992 angestrebte bildungspolitische Ziel, daß
mindestens 10% der deutschen Studierenden wenigstens ein halbes Jahr ihrer
Studienzeit im Ausland verbringen sollen (vgl.: EU Kommission, 1991, S.
28), wird von den Universitätsstudierenden (10,2%) in 1994 voll erreicht.
Dies gilt nicht für Fachhochschulstudierende: von diesen finden nur
gut 3% den Weg in eine ausländische Hochschule. Die Betrachtung der
zeitlichen Entwicklung zeigt allerdings, daß sich auch die Studierenden
der Fachhochschulen vermehrt auf dem Weg ins Ausland befinden. Führten
noch 1982 nur 0,7% der Fachhochschulstudierenden Auslandsstudien durch,
so waren es 6 Jahre später bereits 1,4%. Diese Steigerung der Quote
um 100% wird weitere 6 Jahre später, 1994, noch einmal übertroffen
(Steigerung um 120%). Der Anteil der Fachhochschulstudierenden, die im
Ausland immatrikuliert gewesen waren, hat sich seit 1982 mehr als vervierfacht
(bei den Universitätsstudierenden veranderthalbfacht). Diese überproportionalen
Steigerungen sind ein Hinweis auf sehr erfolgreiche Bemühungen an
den Fachhochschulen.
Die Quote der studienbezogenen Auslandsaufenthalte, bei der nicht nur ein Studium im Ausland berücksichtigt wird, sondern alle studienbezogenen Auslandsaufenthalte, hat in den letzten Jahren ebenfalls deutliche Steigerungen erfahren. In nur knapp 10 Jahren erhöhte sich dieser Anteil von 14% auf fast 22% aller Studierenden.
Für einzelne Studienfächer läßt sich die Darstellung der Entwicklung der Auslandstudienquoten auch für 1996 fortschreiben. Anders als in der bisherigen Darstellung werden jedoch nur Studierende im Erststudium berücksichtigt, weil nur diese Studierenden von der Befragung "Internationalisierung des Studiums" erfaßt wurden. Der Anteil auslandserfahrener Studierender im Zweitstudium liegt etwas höher als bei Studierenden im Erststudium. Demgegenüber ist zu vermuten, daß in der Befragung "Internationalisierung des Studiums" auslandsmobile Studierende leicht überrepräsentiert sind. Außerdem kann diese Befragung nicht die gleiche Repräsentativität für sich beanspruchen wie dies die Sozialerhebungen können. Die Aussagen für 1996 sind daher mit Vorsicht zu interpretieren und als Tendenzaussagen zu betrachten. Es ist davon auszugehen, daß die jeweils deutlich gestiegenen Quoten zum ganz überwiegenden Teil die tatsächliche zeitliche Entwicklung angemessen wiedergeben.
Die Auslandsstudienquoten für naturwissenschaftliche und technische
Fächer an Universitäten lassen sich den
Abb.
4.3 und
4.4
entnehmen. Es wird deutlich, daß sich zwischen 1994 und 1996 für
alle Fächer noch einmal deutliche Steigerungen finden. Insbesondere
bei den technischen Fächern haben sich die Quoten innerhalb von nur
zwei Jahren in der Regel verdoppelt. Der große Nachholbedarf in diesem
Bereich scheint hier sowohl von den betroffenen Fächern als auch von
den Studierenden erkannt worden zu sein. Aber auch z.B. im Fach Physik
zeigen sich - mit einer Steigerung von knapp 10% im Jahr 1994 auf knapp
15% im Jahre 1996 - deutliche Veränderungen.
Ein ähnliches Bild findet sich auch in den gesellschaftswissenschaftlichen
Fächern (
Abb.
4.5). Hier hat sich der Anteil der Studierenden, die im Ausland immatrikuliert
waren, zwischen 1994 und 1996 mehr als verdoppelt. Die Spitzenstellung
nehmen mit einem Anteil von knapp 18% die Studierenden der Sozialwissenschaften,
der Soziologie und der Politik ein. Die größte Steigerungsrate
findet sich auch hier gerade in den Fächern, die in der Vergangenheit
eine unterdurchschnittliche Auslandsstudienquote aufzuweisen hatten. Im
Fach Psychologie beispielsweise stieg die Auslandsstudienquote von knapp
3% auf jetzt knapp 8%. Es zeichnen sich so deutlich zwei Tendenzen ab:
1. Es findet sich für nahezu alle Studienfächer ein deutlicher Anstieg der Auslandsstudienneigung zwischen 1994 und 1996.
2. In den Fächern, in denen in der Vergangenheit eine unterdurchschnittliche Auslandsstudienquote zu verzeichnen war, findet sich ein überproportionaler Anstieg dieser Quote.
Daß dies auch und insbesondere für die naturwissenschaftlich-technischen Fächer gilt, ist besonders hervorzuheben: Möglicherweise können die Berichterstatter der Sozialerhebungen in nicht allzu ferner Zukunft darauf hinweisen, daß die Studierenden der technischen Fächer mit einer fast 50jährigen Tradition weit unterdurchschnittlicher Auslandsmobilität gebrochen haben.
Die Entwicklung der Auslandsstudienquoten für Fachhochschulen
kann der zusammenfassenden Tabelle in
Abb.
4.6 entnommen werden. Auch hier finden sich hohe bis sehr hohe Steigerungsraten.
In dieser Tabelle sind auch die Auslandsstudienquoten für einige Studienfächer
ausgewiesen, die durch die Befragung "Internationalisierung des Studiums"
nicht erfaßt worden sind. Im Vergleich der Jahre 1991 und 1994 zeigt
sich für die Fächer mit traditionell hoher Auslandsstudienquote
eine Stagnation bzw. sogar ein leichter Rückgang. Sollte sich dieser
Trend in den nächsten Jahren bestätigen, so ist auch von dieser
Seite ein weiterer Angleich in der Auslandsmobilität der Studierenden
unterschiedlicher Studienfächer zu erwarten.
Eine Sonderentwicklung findet sich für das Studienfach Betriebswirtschaftslehre
(
vgl.
Abb. 4.7). Schon in den Sozialerhebungen 1988 und 1994 lag hier die
Auslandsstudienquote an den Fachhochschulen geringfügig höher
als die Auslandsstudienquote an Universitäten. Für 1996 läßt
sich eine weitere Steigerung für beide Hochschularten feststellen,
die jedoch an den Fachhochschulen sehr viel stärker ausfällt
als an den Universitäten. So geben für 1996 knapp 23% aller Fachhochschulstudierenden
der Betriebswirtschaftslehre an, ein Studium im Ausland absolviert zu haben;
an Universitäten können das nur knapp 14% der Betriebswirtschaftslehre
Studierenden von sich behaupten. In diesem Bereich wurden die Universitätsstudierenden
von ihren Kommilitonen an Fachhochschulen mit sehr deutlichem Abstand überholt.
Dieses Ergebnis deckt sich mit Beobachtungen, daß insbesondere die
Fachbereiche Wirtschaftswissenschaften an Fachhochschulen große Anstrengungen
unternommen haben, eine Internationalisierung des Studiums in die Praxis
umzusetzen.
In der europäischen und bundesdeutschen bildungspolitischen Diskussion wird gelegentlich behauptet, deutsche Studierende seien Auslandsmuffel, "Stubenhocker", ihnen fehle - anders als ihren Kommilitonen in anderen europäischen Ländern - der Mut, ihre Nase in rauhe ausländische Luft zu hängen.
Dieses Vorurteil wird durch die vorliegenden Zahlen
nicht bestätigt. Den
Abbildungen
4.8 und
4.9
kann entnommen werden, wieviele Studierende der genannten Herkunftsländer
in Zielländern 1993 immatrikuliert waren.
Abb.
4.8 zeigt dies in absoluten Zahlen,
Abb.
4.9 weist die entsprechenden Prozentuierungen aus. Die Quoten stellen
die oben beschriebene Abwesenheitsquote dar: sie beruht auf der UNESCO-Statistik
und zählt die dort Studierenden im Zielland zu einem bestimmten Zeitpunkt,
d.h. diejenigen Studierenden, die an der Heimathochschule wegen eines Auslandsstudiums
beurlaubt oder exmatrikuliert sind. Als Besonderheit ist zu beachten, daß
auch Studierende mitgezählt werden, die ihr ganzes Studium im Ausland
absolvieren. Dies macht sich bei den Anteilswerten für bestimmte Zielländer
bemerkbar (z.B. Österreich). Die verwendeten UNESCO-Daten weisen eine
Reihe von Unzulänglichkeiten auf:
1. Zur Erfassung der Anzahl der Studierenden führt die UNESCO-Statistik den Begriff "third level students" ein. Mit diesem Terminus wird versucht, unterschiedliche Bildungssysteme unter eine statistische Rubrik zu bringen, was nicht in allen Fällen zu optimalen Ergebnissen führt.
2. Die Verfahren bei der statistischen Erfassung wie die Meldegewohnheiten verschiedener Länder beruhen teilweise auf unterschiedlichen Methoden bzw. erreichen nicht die gleiche Datenvalidität.
3. Nicht für alle Länder lagen Zahlen aus dem Jahr 1993 vor. In diesen Fällen wurde auf die Angaben für das zuletzt gemeldete Jahr zurückgegriffen.
4. Es wird die Zahl ausländischer Studierender in 50 ausgewählten Ländern und nicht für alle Länder dargestellt. Diese repräsentieren allerdings nach Angaben der UNESCO 95% aller im Ausland immatrikulierter Studierender.
Die im folgenden gemachten Angaben müssen daher mit Einschränkungen interpretiert werden.
Vergleicht man die Quoten für die Staaten der Europäischen Union, überraschen zunächst die extrem hohe Quote für Griechenland von knapp 21% sowie die ebenfalls sehr hohe Quote von 8,5% für Irland. Die hohe griechische Quote erklärt sich aus der bekannten Situation, daß in Griechenland zu wenig Ausbildungsplätze im Hochschulbereich vorgehalten werden und so die Studierenden auf das Ausland angewiesen sind, wollen sie eine Hochschulausbildung absolvieren. Die hohe Quote für Irland relativiert sich, wenn man die Auslandsmobilität nach Großbritannien unberücksichtigt läßt. Sie beträgt dann nur noch durchschnittliche 2,2%. Die hohe isländische Quote (30%) erklärt sich aus der Hochschulkooperation mit Norwegen, auf die Island wegen seiner geringen Größe angewiesen ist.
Die deutsche Quote der 1993 im Ausland immatrikulierten Studierenden von 2,2% wird deutlich übertroffen von den Ländern Österreich und Portugal mit jeweils knapp 4%, von Schweden mit 3,4% und wird knapp übertroffen von Dänemark mit 2,4%. Gleichauf mit Deutschland liegen die Länder Belgien und Irland (ohne Mobilität nach Großbritannien). Alle anderen Staaten der europäischen Union liegen mit den Quoten zum Teil sehr deutlich unterhalb dieser 2,2%. Wichtige Länder wie Großbritannien und Frankreich bilden mit einem Anteil von nur 1,4 bzw. 1,3% 1993 im Ausland immatrikulierter Studierenden das Schlußlicht. Selbst in den Niederlanden, in denen in den letzten Jahren ein beeindruckendes Engagement im Bereich Internationalisierung des Studiums entwickelt wurde, liegt mit einer Quote von 1,9% noch deutlich unterhalb der bundesdeutschen Quote. Von einer Auslandsmüdigkeit deutscher Studierender läßt sich - jedenfalls im europäischen Vergleich - auf Basis der verfügbaren Zahlen daher sicher nicht sprechen.
Aber auch im internationalen Vergleich über die Europäische Union hinaus kann sich die Auslandsmobilität deutscher Studierender durchaus sehen lassen. Für Japan findet sich eine Quote von 2,1%, für Kanada nur eine von 1,4%, in den USA sind gar nur 0,2% der Studierenden 1993 im Ausland immatrikuliert gewesen. Deutlich übertroffen wird die Quote hingegen von den Schweizer Studierenden (4,7%). Übertroffen wird die Quote auch von den chinesischen Studierenden: von den 2,8% der chinesischen Studierenden, die 1993 im Ausland studiert haben, waren zwei Drittel zu Studienzwecken in den USA, weitere 20% gingen nach Japan. Der europäische und internationale Vergleich zeigt, daß sich die deutschen Studierenden mit ihrer Auslandsmobilität im Mittelfeld des Spektrums befinden.
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Empfehlungen Kapitel 4 |
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© 1997,
Hochschul-Informations-System GmbH Hannover
Peter Müßig-Trapp (muessig@his.de)